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Wort am Sonntag 25.10.2026 – Gut genug? Vielleicht ist das die falsche Frage.

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Irgendwann im Leben fangen wir an, uns für Dinge zu rechtfertigen, die uns Freude machen. Wir fragen, ob wir gut genug sind. Ob sich der Aufwand lohnt. Ob das überhaupt jemanden interessiert.

Dabei haben wir als Kinder einfach angefangen. Wir haben gemalt, ohne Künstler zu sein. Gesungen, ohne singen zu können. Geschichten erfunden, ohne an einen Verlag zu denken.

Vielleicht sollten wir uns ein bisschen mehr von dieser Unbekümmertheit zurückholen.

Denn wenn ich auf meine vergangene Woche zurückblicke, dann fällt mir auf, wie viele Gedanken wir Erwachsenen uns eigentlich über Dinge machen, die uns schlicht und ergreifend glücklich machen.

Und wie wunderbar es sein kann, wenn wir damit einfach mal aufhören.

Von zerknülltem Teig und der Kunst, einfach anzufangen

Am Freitag hatte ich Gäste. Und weil ich offenbar nicht zu den Menschen gehöre, die bei Besuch einfach auf ein bewährtes Rezept zurückgreifen, musste natürlich etwas auf den Tisch, das ich vorher noch nie gemacht hatte.

Serbische Gibanica Gužvara.

Allein der Name klingt schon nach einer Herausforderung.

Für alle, die das nicht kennen: Man nimmt hauchdünne Teigblätter, knüllt sie zusammen, tränkt sie in einer Mischung aus Käse, Eiern und anderen Zutaten und schiebt das Ganze in den Ofen.

Klingt einfach. Ist es eigentlich auch.

Wenn man nicht vorher ungefähr siebzehn Fragen dazu hat.

Welcher Käse? Welcher Teig? Wie viel davon? Welches Öl? Und wird der Sesam oben drauf eigentlich schwarz, bevor der Rest fertig ist?

Ich habe mich durch Zutatenlisten gearbeitet, verschiedene Varianten verglichen und schließlich eingekauft, als müsste ich eine serbische Großfamilie versorgen.

Und dann stand ich in meiner Küche und habe Teig zerknüllt.

Mit Begeisterung.

Das Ergebnis? Ein riesiges Blech voller Essen, dazu ein frischer Salat und Ayran. Und vor allem ein Abend mit Menschen, die mir wichtig sind.

Natürlich wollte ich, dass es schmeckt. Natürlich wollte ich, dass es gelingt.

Aber wisst ihr, was mir im Nachhinein auffällt?

Der schönste Teil war nicht die Frage, ob das Ergebnis perfekt ist.

Es war die Freude daran, etwas Neues auszuprobieren.

Und die Vorfreude darauf, es mit anderen zu teilen.

Ein Stück Vinyl und ungefähr fünf Jahre alt

Und als wäre dieser Freitag nicht schon schön genug gewesen, kam auch noch meine neue Schallplatte von Tina Dico an.

Und ich sage es euch: Ich habe mich gefreut wie ein kleines Kind.

Auspacken. Anschauen. Die Platte vorsichtig aus der Hülle nehmen. Auflegen. Die Nadel absenken.

Und dann dieser Moment, wenn die ersten Töne erklingen.

Ich weiß, wir leben in einer Zeit, in der man praktisch jedes Lied innerhalb von Sekunden auf dem Handy abspielen kann. Und ja, das mache ich natürlich auch.

Aber eine Schallplatte ist etwas anderes.

Man nimmt sich Zeit. Man hört bewusster hin. Man beschäftigt sich mit einem Album, statt nach dreißig Sekunden zum nächsten Lied zu springen.

Vielleicht ist das nostalgisch. Vielleicht ein bisschen altmodisch.

Ist mir ziemlich egal.

Ich liebe es.

Und während ich da saß und mich über dieses Stück Vinyl freute, musste ich daran denken, wie selten wir Erwachsenen uns eigentlich noch erlauben, völlig ungehemmt begeistert zu sein.

Kinder brauchen dafür nicht viel.

Ein Karton kann ein Raumschiff sein. Eine Pfütze ein Abenteuer. Ein neues Spielzeug das Größte auf der Welt.

Wir Erwachsenen dagegen haben manchmal das Bedürfnis, unsere Begeisterung erst einmal zu erklären.

Warum man noch Schallplatten kauft, obwohl es Streaming gibt.

Warum man stundenlang in der Küche steht, obwohl man auch eine Pizza bestellen könnte.

Warum man so viel Zeit in etwas investiert, das vielleicht überhaupt keinen praktischen Nutzen hat.

Als müsste Freude einen vernünftigen Grund haben.

Gut genug? Vielleicht ist das die falsche Frage – Gibanica, Salat und Schallplatte auf einem gemütlichen Tisch

Und dann ist da noch diese eine Sache …

Seit einigen Monaten arbeite ich an etwas.

Nein, ich werde euch noch nicht verraten, was es ist.

Nicht, weil ich künstlich Spannung erzeugen möchte. Sondern weil manche Dinge erst einmal wachsen dürfen, bevor man sie der Welt zeigt.

Was ich aber verraten kann: Es hat mich vollkommen gepackt.

So richtig.

Ich sitze daran, wann immer ich Zeit finde. Manchmal denke ich morgens schon daran, was ich später noch machen könnte. Und wenn ich eigentlich längst aufhören wollte, fällt mir garantiert noch etwas ein.

Aus einer Idee wurde etwas Größeres.

Aus ein paar Stunden wurden Tage, Wochen und schließlich Monate.

Ich habe ausprobiert, verworfen, verändert, wieder angefangen und mich manchmal selbst darüber gewundert, wie sehr mich etwas beschäftigen kann.

Und das Verrückte daran?

Ich habe nie darüber nachgedacht, was am Ende dabei herauskommen soll.

Es hat einfach Spaß gemacht.

Ich wollte wissen, ob ich es kann. Wohin es mich führt. Was daraus entsteht, wenn ich einfach weitermache.

Ohne Plan für das Danach.

Und jetzt?

Jetzt stehe ich tatsächlich langsam vor genau dieser Frage.

Was mache ich eigentlich damit?

Da ist plötzlich etwas, in das ich unzählige Stunden, Gedanken und eine ordentliche Portion Herzblut gesteckt habe.

Und auf einmal meldet sich diese erwachsene Stimme im Kopf.

Ist das gut genug?

Interessiert das überhaupt jemanden?

Soll ich es für mich behalten? Soll ich es anderen zeigen? Und was passiert, wenn es niemanden begeistert außer mich selbst?

Komisch, oder?

Monatelang war keine dieser Fragen wichtig.

Ich war einfach glücklich damit, etwas zu erschaffen.

Und kaum zeichnet sich ein Ergebnis ab, fange ich an, dessen Wert daran zu messen, was andere möglicherweise darüber denken könnten.

Dabei hat sich an meiner Freude über all die vergangenen Monate überhaupt nichts geändert.

Die war echt.

Ganz unabhängig davon, was irgendwann daraus wird.

Seit wann muss sich Freude eigentlich lohnen?

Vielleicht ist das eines der merkwürdigsten Dinge am Erwachsenwerden.

Wir lernen, vernünftig zu sein. Verantwortung zu übernehmen. Unsere Zeit sinnvoll einzuteilen.

Alles richtig. Alles wichtig.

Aber irgendwann schleichen sich dabei Fragen ein, die wir als Kinder vermutlich niemals gestellt hätten.

Was bringt mir das?

Kann ich damit etwas anfangen?

Bin ich überhaupt gut genug dafür?

Und lohnt sich der Aufwand?

Als müsste jede Beschäftigung irgendwann einen messbaren Ertrag liefern.

Ein Ergebnis. Eine Anerkennung. Einen Erfolg. Vielleicht sogar Geld.

Dabei gibt es so viele Dinge, deren eigentlicher Wert genau darin liegt, dass sie uns glücklich machen.

Ein selbst gekochtes Essen muss keinen Kochwettbewerb gewinnen.

Eine Schallplattensammlung muss niemanden beeindrucken.

Ein Foto muss nicht in einer Ausstellung hängen.

Ein Text muss nicht von Tausenden gelesen werden.

Und ein Projekt, in das wir monatelang unsere Freizeit stecken, muss nicht automatisch zu etwas Großem werden.

Es darf einfach etwas sein, das uns erfüllt.

Natürlich ist es schön, wenn andere unsere Begeisterung teilen. Wenn jemand das Essen lobt, sich an einem Foto erfreut oder Interesse an etwas zeigt, das wir geschaffen haben.

Ich freue mich darüber genauso wie jeder andere Mensch.

Aber vielleicht sollten wir aufpassen, dass diese Anerkennung nicht irgendwann zur Voraussetzung für unsere eigene Freude wird.

Denn dann geben wir anderen Menschen die Macht, darüber zu entscheiden, ob sich etwas für uns gelohnt hat.

Und das wäre doch eigentlich ziemlich schade.

Vielleicht müssen wir gar nicht immer wissen, wohin die Reise geht

Ich bin jemand, der gerne Dinge plant. Der sich Gedanken macht, organisiert, hinterfragt und manchmal vermutlich auch ein bisschen zu viel grübelt.

Aber die schönsten Dinge entstehen nicht immer nach Plan.

Manchmal beginnt alles mit einer Idee.

Mit einem Lied.

Mit einem Rezept, dessen Namen man kaum aussprechen kann.

Oder mit etwas, das einen plötzlich so sehr begeistert, dass man darüber völlig die Zeit vergisst.

Und vielleicht ist es gar nicht notwendig, schon am Anfang zu wissen, was am Ende daraus werden soll.

Vielleicht reicht es, neugierig zu bleiben.

Etwas zu wagen.

Sich auch mal lächerlich zu machen.

Etwas nicht perfekt hinzubekommen.

Und trotzdem weiterzumachen.

Ich weiß noch nicht, was aus meinem geheimnisvollen Projekt werden wird. Vielleicht wird es irgendwann etwas, das ich mit anderen teile. Vielleicht wird es ganz anders, als ich es mir heute vorstelle.

Aber eines weiß ich schon jetzt:

Ich würde diese vergangenen Monate nicht missen wollen.

Nicht eine einzige Stunde davon.

Denn ich habe etwas gefunden, das mich begeistert. Das mich fordert. Das meine Fantasie beschäftigt und mich immer wieder neugierig auf den nächsten Schritt macht.

Und allein das ist schon ziemlich viel wert.

Heute möchte ich euch deshalb eine andere Frage stellen:

Was habt ihr zuletzt gemacht, einfach weil es euch Freude bereitet hat?

Ohne darüber nachzudenken, ob ihr besonders gut darin seid. Ohne ein bestimmtes Ziel. Ohne den Anspruch, dass am Ende etwas dabei herauskommen muss.

Und vielleicht noch eine zweite Frage:

Gibt es etwas, das ihr schon lange ausprobieren möchtet, euch aber bisher nicht getraut habt?

Weil ihr denkt, dass ihr es nicht könnt? Weil andere darüber lachen könnten? Oder weil ihr euch fragt, ob sich das überhaupt lohnt?

Vielleicht ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt, es einfach zu versuchen.

Und wenn es schiefgeht?

Dann habt ihr wenigstens eine Geschichte zu erzählen.

Ich jedenfalls werde weiter Teig zerknüllen, Schallplatten auflegen, neue Dinge ausprobieren und mich gelegentlich fragen, ob das alles gut genug ist.

Aber ich hoffe, dass ich dabei eines nicht vergesse:

Nicht alles, was wir tun, muss zu etwas führen. Manches darf uns einfach glücklich machen.

In diesem Sinne: Habt einen schönen Sonntag. Und bewahrt euch ein kleines bisschen von dem Kind, das ihr einmal wart.


Nachtrag: Für alle, die jetzt Hunger bekommen haben …

Weil ich euch von meiner serbischen Gibanica Gužvara vorgeschwärmt habe, gibt es hier noch das Rezept zum Nachmachen.

Für 6–8 Personen (Auflaufform 40 × 30 cm):

  • Bis zu 1 kg dünner Yufka-Teig
  • 600 g türkischer Weißkäse (Beyaz Peynir)
  • 400 g Hüttenkäse
  • 6 Eier
  • 250 ml Milch
  • 150 ml Rapsöl
  • 100 ml Mineralwasser mit Kohlensäure
  • 100 g Schmand
  • 40 g Butter
  • 2–3 EL Sesam

So geht’s:

Fünf Eier mit Milch, Öl, Mineralwasser und Schmand verrühren. Beide Käsesorten unterheben.

Einige Teigblätter für Boden und Deckel zurücklegen. Die übrigen Blätter einzeln locker zusammenknüllen, in die Käsemischung tauchen und nebeneinander in die gefettete Form setzen. Restliche Füllung darübergeben und mit Teig abdecken.

Mit dem letzten verquirlten Ei und Butter bestreichen. Bei 190 °C Ober-/Unterhitze etwa 50–60 Minuten goldbraun backen. Nach ungefähr 30 Minuten mit Sesam bestreuen. Anschließend 10–15 Minuten ruhen lassen.

Dazu gab es bei mir frischen Gurken-Tomaten-Salat mit Paprika, roten Zwiebeln, Petersilie und Zitronendressing. Und natürlich Ayran.

Mein Fazit: Teig zerknüllen kann ich jetzt. Und lecker war’s auch! Guten Appetit!

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