Zum Inhalt springen
Home » Wort am Sonntag – 01.11.2026

Wort am Sonntag – 01.11.2026

Wenn niemand zuschaut – wer bist du dann?

Über vier Schubladen, drei Seiten meiner Persönlichkeit und den manchmal schmerzhaften Weg zu sich selbst.

Vier Kästchen. Eine ziemlich einfache Aufgabe.

Ich habe in meinem Berufsleben unzählige Workshops, Seminare und Weiterbildungen besucht. Darunter auch einige zum Thema Persönlichkeitsentwicklung.

Und irgendwann begegnet man dabei fast zwangsläufig diesen wunderbaren Modellen, die einem erklären sollen, wer man eigentlich ist.

Vier Farben. Vier Kästchen. Vier Persönlichkeitstypen.

Die Aufgabe war meistens denkbar einfach: Finde heraus, welcher Typ du bist, und setze deinen Punkt in das entsprechende Feld.

Ich fand diese Übungen immer faszinierend. Vor allem deshalb, weil meine Kollegen meistens überhaupt keine Schwierigkeiten damit hatten, sich selbst einem dieser vier Bereiche zuzuordnen. Sie erkannten sich in den Beschreibungen wieder, entschieden sich für eine Kategorie und setzten ihren Punkt.

Offenbar gab ihnen das Modell eine Orientierung, mit der sie etwas anfangen konnten.

Nur bei mir funktionierte das nicht.

Nicht, weil ich mich in keinem der vier Felder wiedergefunden hätte.

Sondern weil ich mich in allen vier wiedergefunden habe.

Ich konnte mich nicht für eines entscheiden. Und, wenn ich ganz ehrlich bin, ich wollte es auch nicht.

Denn warum sollte ich mich auf eine einzige Eigenschaft festlegen, wenn ich wusste, dass ich je nach Situation völlig unterschiedlich sein konnte?

Also tat ich das, was mir am logischsten erschien. Ich setzte meinen Punkt genau in die Mitte. Dorthin, wo sich alle vier Felder berühren.

Damit habe ich im Laufe der Jahre so manchen Trainer an seine Grenzen gebracht. Denn offenbar war die Mitte nicht unbedingt vorgesehen. Zumindest nicht für jemanden, der dort ganz bewusst seinen Platz gewählt hatte.

Vier Schubladen für eine ganze Persönlichkeit?

Eines dieser Modelle ist das sogenannte DISG-Modell. Es unterscheidet vier grundlegende Verhaltensstile:

  • D – Dominant: direkt, entschlossen, durchsetzungsstark und ergebnisorientiert.
  • I – Initiativ: kommunikativ, begeisterungsfähig, kontaktfreudig und spontan.
  • S – Stetig: geduldig, loyal, hilfsbereit und harmonieorientiert.
  • G – Gewissenhaft: analytisch, strukturiert, präzise und qualitätsbewusst.

Natürlich ist das Modell differenzierter, als diese vier kurzen Beschreibungen vermuten lassen. Es geht um Verhaltenspräferenzen und nicht um vier unveränderliche Menschentypen. Mischformen sind möglich, und wissenschaftlich ist DISG auch nicht mit umfassenderen Persönlichkeitsmodellen wie den Big Five gleichzusetzen.

Trotzdem entsteht in manchen Trainings der Eindruck, jeder Mensch müsse irgendwo seinen eindeutigen Platz finden.

Und genau hier kommt die Grafik ins Spiel.

Vier DISG-Felder mit vielen dunklen Punkten und einem roten Punkt in der Mitte

Die vielen dunklen Punkte stehen sinnbildlich für Menschen, die sich in einer der vier Kategorien wiederfinden. Manche stärker im analytischen Bereich, andere im dominanten, im stetigen oder im initiativen.

Jeder dieser Punkte steht für jemanden, der seinen Platz in diesem Modell gewählt hat.

Und dann ist da dieser eine rote Punkt. Genau in der Mitte. Das bin ich.

Nicht, weil ich grundsätzlich anders sein möchte. Nicht, weil ich mich für etwas Besonderes halte. Und schon gar nicht, weil ich glaube, dass alle anderen Menschen tatsächlich nur aus einer einzigen dieser Eigenschaften bestehen.

Sondern weil ich mich nie auf eine davon reduzieren wollte.

Ich kann analytisch und gewissenhaft sein. Ich kann dominant auftreten, kommunikativ sein und gleichzeitig ein ausgesprochen harmoniebedürftiger Mensch sein.

Es kommt darauf an, wo ich bin. Mit wem ich zusammen bin. Und welche Situation das Leben gerade von mir verlangt.

Vielleicht war meine eigentliche Schwierigkeit mit diesen Übungen also nie, dass ich meinen Platz nicht finden konnte.

Vielleicht wollte ich nur nicht akzeptieren, dass ich mich für einen einzigen entscheiden sollte.

Drei Welten. Ein Mensch.

Wer mich ausschließlich aus meinem beruflichen Umfeld kennt, dürfte ein ziemlich eindeutiges Bild von mir haben.

Ich bin dort vermutlich nicht unbedingt der unkomplizierteste Mensch.

Ich bin ausgesprochen faktenorientiert. Ich liebe funktionierende Prozesse, klare Strukturen und nachvollziehbare Entscheidungen.

Wenn etwas heute auf eine bestimmte Weise erledigt wird, möchte ich verstehen, warum es morgen plötzlich anders laufen soll.

Nicht, weil Veränderungen grundsätzlich schlecht wären. Sondern weil Veränderungen für mich einen Sinn ergeben müssen.

Ich bin konsequent. Manchmal streng. Und vermutlich gelegentlich ziemlich unbequem.

Vor allem aber bin ich streng mit mir selbst.

Ich habe einen hohen Anspruch an meine Arbeit. An Qualität. An Verantwortung. An das, was am Ende für den Kunden herauskommen soll.

Man könnte sagen, dass ich im Büro eine ziemlich harte Seite habe. Und ich weiß, dass diese Seite nicht jedem gefällt. Aber sie gehört zu mir.

Wer mich dagegen privat erlebt, begegnet einem teilweise völlig anderen Menschen.

Ich kann Menschen wunderbar so sein lassen, wie sie sind.

Wenn jemand fünfzehn Minuten zu spät kommt, geht davon meine Welt nicht unter. Wenn jemand sein Leben völlig anders gestaltet als ich, ist das für mich zunächst einmal genau das: sein Leben.

Ich muss nicht alles verstehen, nicht alles gut finden und schon gar nicht alles genauso machen.

Solange meine grundlegenden Werte nicht verletzt werden, kann ich andere Lebensentwürfe erstaunlich gelassen akzeptieren.

Ich bin herzlich, liebe es, meine Freunde in den Arm zu nehmen, und genieße Nähe und Vertrautheit.

Und dann gibt es noch eine dritte Seite. Die kennen vermutlich die wenigsten Menschen.

Die Frau, die ich bin, wenn niemand zuschaut.

Wenn ich alleine bin, ist es meistens ruhig. Nicht nur um mich herum. Auch in mir.

Ich brauche keine ständige Unterhaltung, keine dauernde Beschäftigung und niemanden, der meine Anwesenheit bestätigt.

Ich bin gerne alleine. Sehr gerne sogar. Ich bin dann friedlich, ausgeglichen und zufrieden.

Das war nicht immer so. Es hat viele Jahre gedauert, bis ich diesen Zustand erreicht habe.

Aber heute muss ich niemandem mehr etwas beweisen, wenn ich alleine bin.

Ich muss keine Erwartungen erfüllen, keine Rolle übernehmen und mich nicht erklären. Ich kann einfach sein. Und ich bin glücklich dabei.

Sind das nun drei unterschiedliche Persönlichkeiten? Oder sind es drei vollkommen ehrliche Seiten desselben Menschen?

Eine Hand auf meiner Schulter

Wie unterschiedlich diese Seiten sein können, wurde mir vor vielen Jahren in einem Fortbildungsseminar ziemlich eindrucksvoll vor Augen geführt.

Wir sollten lernen, bestimmt Nein zu sagen. Freundlich, aber unmissverständlich. Eine durchaus sinnvolle Übung.

Die Trainerin schickte mich aus dem Raum. Währenddessen sollten meine Kollegen eine Situation vorbereiten, auf die ich anschließend reagieren musste.

Als ich zurückkam, sollte ich mich an einen Schreibtisch setzen.

Ein Kollege würde zu mir kommen und versuchen, mir zusätzliche Arbeit aufzudrücken. Meine Aufgabe bestand darin, diese Arbeit bestimmt abzulehnen.

So weit, so einfach.

Dann kam mein Kollege.

Er trat an meinen Schreibtisch, stellte sich ziemlich nah neben mich und legte mir eine Hand auf die Schulter.

Und damit war die eigentliche Übung praktisch vorbei.

Denn bevor ich überhaupt dazu kam, Nein zu sagen, rollte ich mit meinem Bürostuhl erst einmal ein gutes Stück zurück.

Die körperliche Nähe hatte mich völlig aus dem Konzept gebracht.

Im Raum sorgte das für eine gewisse Erheiterung.

Nicht, weil sich jemand über mich lustig machen wollte.

Sondern weil diese Situation etwas sichtbar gemacht hatte, das mir selbst bis dahin gar nicht so bewusst gewesen war.

Meine Kollegen wussten offenbar ziemlich genau, dass sich mir im beruflichen Alltag normalerweise niemand auf diese Weise nähern würde.

Nicht, weil ich grundsätzlich etwas gegen Menschen hätte.

Sondern weil ich beruflich eine Distanz ausstrahle, die solche Vertraulichkeiten kaum entstehen lässt.

Im ersten Moment hat mich diese Erkenntnis beschäftigt.

Wirke ich wirklich so abweisend? So unnahbar? Vielleicht sogar unsympathisch?

Erst später habe ich verstanden, dass ich daran überhaupt nichts ändern muss, solange ich mich mit dieser Grenze wohlfühle.

Ich möchte im Beruf an meiner Arbeit gemessen werden. An meiner Leistung, meiner Zuverlässigkeit und meinem Beitrag zum gemeinsamen Ergebnis.

Körperliche Vertraulichkeit gehört für mich nicht selbstverständlich dazu.

Privat dagegen? Da kann eine Umarmung für mich kaum herzlich genug sein.

Dieselbe Frau. Dieselbe Schulter. Zwei völlig unterschiedliche Situationen.

Und beide Reaktionen sind echt.

Warum wir so gerne in Schubladen denken

Vielleicht liegt das eigentliche Problem gar nicht darin, dass Menschen unterschiedliche Seiten haben.

Vielleicht liegt es vielmehr darin, dass wir so unglaublich gerne Ordnung schaffen.

Auch dort, wo sich das Leben nicht ordentlich sortieren lässt.

Wir teilen Menschen in Kategorien ein.

Introvertiert oder extrovertiert. Emotional oder rational. Dominant oder zurückhaltend. Stark oder sensibel.

Als müssten diese Eigenschaften zwangsläufig Gegensätze sein.

Dabei kann ein Mensch ausgesprochen selbstbewusst auftreten und gleichzeitig verletzlich sein.

Er kann Entscheidungen konsequent durchsetzen und trotzdem anderen gegenüber nachsichtig sein.

Er kann Gesellschaft lieben und das Alleinsein genießen.

Und er kann seine Meinung entschieden vertreten, ohne ständig laut werden zu müssen.

Ich glaube, dass solche Kategorien uns helfen können, Menschen besser zu verstehen.

Problematisch wird es allerdings, wenn aus einer Beschreibung eine Erwartung wird.

Wenn wir irgendwann glauben, uns so verhalten zu müssen, wie es die Schublade vorsieht, in die wir uns einmal einsortiert haben.

Und damit kommen wir zu etwas, das mich persönlich noch viel stärker beschäftigt.

Der Preis der Zugehörigkeit

Menschen wollen dazugehören. Das ist nichts Schlechtes.

Gemeinschaft gibt Halt, Sicherheit, Orientierung und manchmal auch ein Stück Identität.

Wir fühlen uns verstanden, wenn wir Menschen finden, die ähnlich denken, ähnliche Erfahrungen gemacht haben oder dieselben Werte teilen.

Aber ich frage mich manchmal, ob wir ausreichend darüber nachdenken, was uns diese Zugehörigkeit möglicherweise kostet.

Denn wer zu einer Gruppe gehören möchte, muss manchmal auch deren Erwartungen erfüllen.

Vielleicht sagt man eine Meinung nicht, weil sie nicht zur Mehrheitsmeinung passt.

Vielleicht verzichtet man auf etwas, das man eigentlich gerne tun würde.

Vielleicht lacht man über einen Witz, den man überhaupt nicht lustig findet.

Oder man schweigt, obwohl man widersprechen möchte.

Nicht unbedingt aus Feigheit. Sondern aus Angst, etwas zu verlieren.

Anerkennung. Nähe. Zugehörigkeit.

Eine Schublade kann Sicherheit geben. Aber manchmal nimmt sie uns auch die Freiheit, über ihren Rand hinauszuwachsen.

Natürlich gilt das nicht für jede Gemeinschaft. Gute Beziehungen und echte Freundschaften können gerade dadurch wertvoll sein, dass wir uns nicht verstellen müssen.

Aber ich glaube, wir sollten uns gelegentlich fragen, ob wir irgendwo dazugehören, weil wir dort wirklich wir selbst sein dürfen.

Oder ob wir längst gelernt haben, nur noch die Teile von uns zu zeigen, die dort erwünscht sind.

Ich wollte dazugehören. Unbedingt.

Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass mir die Meinung anderer Menschen schon immer egal gewesen wäre.

Ganz im Gegenteil.

Ich habe einen großen Teil meines Lebens damit verbracht, dazugehören zu wollen.

Als Kind. Als Jugendliche. Und auch noch als junge Erwachsene.

Ich wollte ein normales Leben.

Wobei ich heute weiß, wie absurd allein diese Formulierung eigentlich ist.

Was ist schon normal?

Damals hatte ich allerdings eine ziemlich klare Vorstellung davon.

Normal war das Leben der anderen.

Derjenigen, die selbstverständlich Teil einer Clique waren. Die nicht auffielen.

Die nicht ständig erklären mussten, warum ihre Familie anders war oder warum sie selbst nicht den gesellschaftlichen Erwartungen entsprachen.

Meine familiären Verhältnisse waren nicht besonders privilegiert. Schon dadurch fühlte ich mich häufig am Rand dessen, was andere für selbstverständlich hielten.

Später kam meine Sexualität hinzu.

Wieder gehörte ich zu einer Minderheit. Wieder war ich irgendwie anders.

Dabei war mein Leben für mich selbst nie ungewöhnlich. Es war einfach mein Leben.

Nur passte es nicht immer zu den Vorstellungen anderer Menschen.

Ich war es gewohnt, außerhalb der vermeintlichen Normalität zu stehen.

Aber das bedeutet nicht, dass ich es immer gerne getan habe.

Es hat wehgetan. Natürlich hat es das.

Wer möchte als junger Mensch schon ständig das Gefühl haben, nicht richtig dazuzugehören?

Ich wollte nicht unbedingt besonders sein. Ich wollte manchmal einfach nur eine von vielen sein.

Und trotzdem gab es etwas, das ich nie besonders gut konnte.

Mich verbiegen.

Ich konnte mich nie dauerhaft zurücknehmen, nur damit andere sich mit mir wohler fühlen.

Ich habe meine Meinung gesagt. Früher vermutlich deutlich lauter als heute. Manchmal sicherlich auch unnötig laut.

Heute brauche ich diese Lautstärke nicht mehr.

Aber meine Überzeugungen sind deshalb nicht schwächer geworden.

Ich habe lediglich gelernt, dass Bestimmtheit nicht von der Lautstärke abhängt.

Die Harmonie, die manchmal zu viel kostet

Allerdings wäre es auch nicht ehrlich, wenn ich behaupten würde, ich hätte mich inzwischen vollständig von dem Wunsch befreit, irgendwo dazuzugehören.

Das habe ich nicht. Und vielleicht möchte ich das auch gar nicht.

Ich liebe meine Freundschaften. Ich schätze Verbundenheit, gemeinsame Erinnerungen und dieses wunderbare Gefühl, Menschen um sich zu haben, bei denen man sich zu Hause fühlt.

Und ja, manchmal nehme auch ich mich zurück.

Manchmal sage ich nicht, was ich denke.

Manchmal spreche ich Dinge nicht an, obwohl sie mich beschäftigen.

Nicht, weil ich keine Meinung hätte.

Sondern weil ich niemanden verletzen möchte. Weil ich die Harmonie nicht zerstören möchte.

Weil mir Menschen wichtig sind und ich nicht jede Meinungsverschiedenheit zu einem Konflikt machen will.

Ich glaube, darin liegt zunächst einmal auch etwas Gutes.

Nicht jede Wahrheit muss sofort ausgesprochen werden. Nicht jeder Ärger braucht eine Auseinandersetzung. Und nicht jede unterschiedliche Sichtweise muss eine Freundschaft infrage stellen.

Rücksichtnahme gehört für mich zu zwischenmenschlichen Beziehungen.

Aber es gibt einen Unterschied zwischen Rücksichtnahme und Selbstverleugnung.

Und dieser Unterschied ist manchmal verdammt schwer zu erkennen.

Denn meistens beginnt es mit Kleinigkeiten.

Man schluckt etwas herunter. Dann noch etwas.

Man erklärt sich das Verhalten eines anderen Menschen, versucht Verständnis aufzubringen, relativiert die eigene Enttäuschung.

Vielleicht war es nicht so gemeint. Vielleicht bin ich gerade zu empfindlich. Vielleicht ist es die Sache einfach nicht wert.

Und oft funktioniert das sogar eine ganze Weile.

Bis irgendwann aus vielen kleinen Dingen etwas Großes geworden ist.

Etwas, das sich nicht mehr einfach wegschieben lässt.

Ich kenne solche Situationen aus Freundschaften. Und ich kenne sie aus Paarbeziehungen.

Bei mir ist das selten ein schneller Prozess.

Ich bin nicht der Mensch, der bei der ersten Enttäuschung alles infrage stellt.

Im Gegenteil.

Ich kann lange versuchen, etwas zu erhalten, das mir wichtig ist. Manchmal vielleicht zu lange.

Ich versuche zu verstehen, einzuordnen, auszuhalten.

Und während andere vielleicht denken, dass alles in Ordnung ist, findet in mir längst eine Auseinandersetzung statt.

Nicht laut. Nicht unbedingt sichtbar. Aber sie ist da.

Und irgendwann kommt dieser Punkt.

Ein Punkt, an dem ich plötzlich ganz genau weiß, was ich tun muss.

Dann ist da keine große Unsicherheit mehr. Kein endloses Abwägen. Keine Frage, ob ich vielleicht doch noch etwas länger warten sollte.

Sondern eine erstaunliche Klarheit.

Bis hierher. Und nicht weiter.

Von außen kann das manchmal wirken, als hätte ich plötzlich eine Entscheidung getroffen.

Als wäre mir auf einmal der Kragen geplatzt.

Aber das stimmt nicht.

Die Entscheidung ist meistens das Ende eines langen Weges, den andere Menschen vielleicht gar nicht mitbekommen haben.

Und wenn ich an diesem Punkt angekommen bin, bin ich sehr klar.

Dann sage ich, was ich denke. Dann ziehe ich eine Grenze. Dann verändere ich etwas.

Und manchmal beende ich auch eine Beziehung oder eine Freundschaft.

Nicht, weil mir dieser Mensch plötzlich egal geworden wäre.

Nicht, weil die gemeinsame Zeit nichts mehr bedeutet.

Und schon gar nicht, weil mir solche Entscheidungen leichtfallen.

Sondern weil ich irgendwann erkennen muss, dass ich etwas nicht erhalten kann, ohne mich selbst dabei immer weiter zurückzunehmen.

Das tut weh. Manchmal sogar sehr.

Denn innere Freiheit bedeutet nicht, dass Entscheidungen keine Konsequenzen mehr haben.

Sie bedeutet auch nicht, dass man niemals zweifelt oder traurig ist.

Vielleicht verliere ich in diesem Moment einen Menschen.

Vielleicht sogar eine Beziehung, die mir einmal unglaublich wichtig war.

Aber eines verliere ich nicht mehr: mich selbst.

Und ich glaube, genau das ist der Unterschied zwischen der Frau, die ich früher war, und der Frau, die ich heute bin.

Früher hätte ich vielleicht noch länger versucht, irgendwo hineinzupassen.

Heute weiß ich, dass es manchmal mutiger ist, einen Platz zu verlassen, als um jeden Preis dort bleiben zu wollen.

Vielleicht war das Anderssein irgendwann meine Freiheit

Wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, frage ich mich manchmal, ob ausgerechnet diese Erfahrungen dazu beigetragen haben, dass ich mich heute so wenig in Kategorien wiederfinde.

Vielleicht hat es mich unabhängiger gemacht, dass ich so oft außerhalb gestanden habe.

Vielleicht habe ich irgendwann aufgehört, einen Platz in einer Gruppe um jeden Preis finden zu wollen.

Nicht von heute auf morgen. Und ganz sicher nicht ohne Rückschläge.

Es war ein langer Weg.

Ein Weg, auf dem ich lernen musste, mich selbst zu akzeptieren.

Mich mit meinen Widersprüchen auszuhalten.

Meine eigenen Entscheidungen zu respektieren.

Und irgendwann sogar, mich selbst zu mögen.

Nicht nur die Eigenschaften, die anderen gefallen.

Auch die unbequemen. Die eigenwilligen. Die manchmal widersprüchlichen.

Die Seiten, mit denen andere Menschen vielleicht nichts anfangen können.

Ich bin heute fast 46 Jahre alt.

Und ich habe nicht das Gefühl, mit meiner Entwicklung fertig zu sein.

Wahrscheinlich werde ich das auch nie sein.

Ich wünsche mir weiterhin Zugehörigkeit. Ich möchte weiterhin Menschen um mich haben, die mir wichtig sind. Und ich werde vermutlich auch in Zukunft manchmal zu lange schweigen, bevor ich etwas anspreche.

Aber ich erkenne inzwischen besser, wann der Preis dafür zu hoch wird.

Und vielleicht ist genau das eine Form von Freiheit.

Nicht die Freiheit, tun und lassen zu können, was man will.

Nicht die Freiheit, niemals verletzt zu werden.

Und auch nicht die Freiheit, niemanden mehr zu brauchen.

Sondern die Freiheit, sich selbst nicht dauerhaft aufgeben zu müssen, nur um von anderen angenommen zu werden.

Wenn niemand zuschaut

Damit komme ich zurück zu der Frage, mit der dieser Text begonnen hat.

Wer bin ich eigentlich, wenn niemand zuschaut?

Bin ich die konsequente, analytische Frau im Büro?

Die tolerante, herzliche Freundin?

Oder der ruhige Mensch, der alleine auf dem Sofa sitzt und mit seinem Leben zufrieden ist?

Ich glaube inzwischen, dass die Frage selbst einen Denkfehler enthält.

Sie setzt voraus, dass irgendwo hinter all diesen Verhaltensweisen ein einziges, unveränderliches Ich verborgen sein muss.

Eine wahre Persönlichkeit. Eine endgültige Version.

Aber vielleicht gibt es diese eine Version gar nicht.

Vielleicht besteht Persönlichkeit gerade darin, dass wir unterschiedlich auf das Leben reagieren können.

Dass wir viele Seiten besitzen, ohne deshalb unehrlich zu sein.

Dass wir uns verändern dürfen, ohne unsere Identität zu verlieren.

Und dass wir in unterschiedlichen Situationen unterschiedliche Bedürfnisse haben.

Ich bin im Büro nicht weniger ich selbst als zu Hause.

Ich bin unter Freunden nicht authentischer als unter Kollegen.

Und ich bin alleine nicht plötzlich ein völlig anderer Mensch.

Ich bin immer ich. Nur zeigen sich unterschiedliche Seiten von mir.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich meinen Punkt in diesen Persönlichkeitstrainings immer genau in die Mitte gesetzt habe.

Nicht, weil ich mich nicht entscheiden konnte.

Sondern weil ich mich nicht entscheiden wollte, welche Teile meiner Persönlichkeit dazugehören dürfen und welche nicht.

Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Freiheit.

Nicht immer alles sagen zu müssen.

Nicht immer gegen alles anzukämpfen.

Nicht grundsätzlich jede Gruppe abzulehnen.

Sondern selbst entscheiden zu können, wann ich mich anpasse, wann ich Rücksicht nehme und wann ich eine Grenze ziehe.

Auch wenn diese Entscheidung manchmal wehtut.

Mein Platz

Wenn ich heute der jungen Frau begegnen könnte, die ich einmal war, würde ich ihr gerne etwas sagen.

Dem Mädchen, das dazugehören wollte.

Der Jugendlichen, die nicht auffallen wollte.

Der jungen Erwachsenen, die sich so oft gefragt hat, warum ihr Leben nicht einfach ein bisschen normaler sein konnte.

Ich würde ihr nicht erzählen, dass irgendwann alle Menschen sie verstehen werden.

Das wäre gelogen.

Ich würde ihr auch nicht versprechen, dass es irgendwann vollkommen egal sein wird, was andere über sie denken.

So einfach ist das Leben nicht.

Aber ich würde ihr sagen, dass sie eines Tages ihren Platz finden wird.

Dass sie nicht mehr ständig versuchen muss, in eine Gruppe hineinzupassen.

Dass sie lernen wird, mit sich selbst zufrieden zu sein.

Dass sie irgendwann sogar die Stille lieben wird, vor der sie früher vielleicht Angst gehabt hätte.

Ich würde ihr sagen, dass sie nicht falsch ist, nur weil sie sich nicht eindeutig zuordnen lässt.

Dass sie laut und leise sein darf. Konsequent und nachsichtig. Stark und verletzlich. Gesellig und gerne allein.

Dass sie Menschen lieben darf, ohne sich für sie aufgeben zu müssen.

Und dass sie manchmal jemanden verlieren wird, obwohl sie alles versucht hat, genau das zu verhindern.

Aber dass sie auch solche Verluste überstehen kann.

Nicht unberührt. Nicht ohne Traurigkeit. Aber ohne sich dabei selbst zu verlieren.

Vor allem aber würde ich ihr eines sagen:

Du wirst deinen Platz finden.

Nicht in irgendeiner Box.

Nicht in einer Schublade.

Nicht dort, wo andere dich gerne hätten.

Sondern in dir selbst.

Und vielleicht ist das die größte Freiheit, die wir im Laufe unseres Lebens finden können.

Nicht endlich irgendwo hineinzupassen.

Sondern irgendwann zu verstehen, dass wir das gar nicht müssen.

Und dass wir trotzdem dazugehören dürfen.

Und jetzt interessiert mich eure Meinung:

Verhaltet ihr euch im Beruf genauso wie privat? Seid ihr unter Freunden dieselben Menschen wie dann, wenn ihr ganz alleine seid?

Habt ihr manchmal das Gefühl, bestimmte Seiten eurer Persönlichkeit zurückhalten zu müssen, um irgendwo dazuzugehören?

Und wo verläuft für euch die Grenze zwischen Rücksichtnahme und dem Moment, in dem ihr euch selbst zu sehr zurücknehmt?

Vielleicht ist es an der Zeit, unsere Schubladen gelegentlich offen zu lassen.

Oder den Punkt einfach einmal mitten dazwischenzusetzen.

Einen schönen Sonntag euch allen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert