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Wort am Sonntag 06.09.2026

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Hab ich schon mal erwähnt, wie schön dieses Ritual geworden ist?

Es ist Sonntagmorgen.

Genauer gesagt: Es ist Sonntagmorgen, ich sitze mit meinem Kaffee an meinem wunderschönen Schreibtisch und habe eigentlich alles, was man für einen gemütlichen Start in den Tag braucht.

Ruhe.

Kaffee.

Schreibtisch.

Und Klößchen.

Wobei Letzteres zumindest am Anfang nicht unbedingt für Ruhe gesorgt hat.

Denn Klößchen hat mich heute Morgen geweckt.

Nicht vorsichtig.

Nicht mit einem dezenten Miau nach dem Motto: „Entschuldige bitte die Störung, aber wenn du zufällig wach bist, hätte ich eventuell Interesse an Frühstück.“

Nein.

Klößchen hat miaut.

Unaufhaltsam.

Hartnäckig.

Mit der Energie einer Katze, die offensichtlich seit mindestens drei Tagen nichts mehr zu essen bekommen hat und nun kurz davor steht, den Tierschutz einzuschalten.

Also bin ich aufgestanden.

Sie hat gefressen.

Und schläft jetzt.

Selbstverständlich.

Ich dagegen sitze hier mit meinem Kaffee und bin wach.

Das Leben ist manchmal einfach ungerecht.

Und während ich hier sitze, merke ich wieder, warum ich dieses kleine Ritual inzwischen so liebe.

Ich sammle mittlerweile Dinge.

Gedanken.

Sätze.

Beobachtungen.

Dinge, die mich berühren, die mich ärgern, die ich nicht verstehe oder die sich irgendwo in meinem Kopf festsetzen und dort offenbar beschlossen haben, nicht wieder auszuziehen.

Manchmal weiß ich schon am Samstagabend, worüber ich am Sonntag schreiben möchte.

Meistens weiß ich es nicht.

Und genau das mag ich inzwischen.

Das „Wort am Sonntag“ ist für mich ein bisschen wie ein Gespräch mit mir selbst geworden.

Nur dass ich dieses Gespräch veröffentliche.

Was möglicherweise nicht jeder für eine gute Idee hält.

Aber bisher hat sich auch noch niemand beschwert.

Zumindest nicht öffentlich.

Und heute Morgen ist es die Frage:

War früher wirklich alles besser? Ein Satz, den wir alle kennen

„Früher war alles besser.“

Ich habe diesen Satz selbst schon gesagt.

Natürlich habe ich das.

Wahrscheinlich jeder von uns.

Früher waren die Sommer irgendwie länger.

Die Kinder waren mehr draußen.

Die Nachbarn kannten sich.

Die Musik war besser – oh hell das war sie wirklich.

Das Essen schmeckte besser.

Die Menschen waren freundlicher.

Die Schule war besser.

Die Welt war irgendwie einfacher.

Und dann habe ich diese Woche ein Video von Wayne Carpendale gesehen.

Es ging genau um diesen Satz.

Und ich fand die Frage dahinter ziemlich interessant:

War früher wirklich alles besser – oder erinnern wir uns einfach besser an das, was sich gut angefühlt hat?

Das hat mich beschäftigt.

Denn meine eigene Vergangenheit ist ziemlich kompliziert.

Ich kann nämlich nicht einfach sagen:

„Früher war alles scheiße.“

Und genauso wenig kann ich sagen:

„Früher war alles besser.“

Ich kann beides nicht.

Weil meine Kindheit gleichzeitig wunderschön und schwierig war.

Geborgen und unfrei.

Draußen und trotzdem eingeengt.

Arm an Dingen und reich an Erlebnissen.

Und vielleicht ist genau das der Grund, warum ich mit dieser ganzen „Früher war alles besser“-Romantik inzwischen ziemlich vorsichtig bin.

Denn ich war dabei.

Ich war ein DDR-Kind

Ich wurde 1980 geboren.

Meine Kindheit begann in der Oberlausitz, in einer Region, die heute zu den Orten gehört, bei denen viele Menschen wahrscheinlich erst einmal auf der Landkarte suchen müssten.

Ebersbach-Neugersdorf zum Beispiel entstand übrigens erst 2011 durch die Fusion von Ebersbach/Sa. und Neugersdorf.

Damals war das natürlich nicht Ebersbach-Neugersdorf.

Damals war das einfach meine Welt.

Und diese Welt hatte ihre ganz eigenen Regeln.

Ich war im Kindergarten.

Danach in der Schule.

Und anschließend im Hort.

Das war völlig normal.

Im Hort wurden Hausaufgaben gemacht, es gab Mittagessen und – für mich damals die vermutlich grausamste Erfindung des Sozialismus – eine verpflichtende Mittagsruhe.

Eine Stunde schlafen.

Mitten am Tag.

Ich habe das gehasst.

Heute würde ich vermutlich freiwillig dafür bezahlen.

Das nennt man wohl Altersweisheit.

Oder Erschöpfung.

Und dann war da draußen diese unglaubliche Freiheit

Wenn ich an meine Kindheit denke, sehe ich vor allem eines:

Draußen.

Ich war draußen.

Fast immer.

Sommer bedeutete Freibad.

Und Freibad bedeutete, dass wir uns die paar Pfennige dafür zusammensuchen mussten.

Ich erinnere mich an die betonierten Wände des Schwimmbeckens, an denen ich mir regelmäßig irgendwelche Körperteile aufgeschrammt habe.

Ich erinnere mich an den Weg nach Hause.

1,6 Kilometer.

Heute würde ich darüber nicht einmal nachdenken.

Damals fühlte sich das an wie eine Expedition.

Ich hatte selten ein Fahrrad.

Also lief ich.

Und wenn man neun Jahre alt ist, sind 1,6 Kilometer nach einem Tag im Freibad ungefähr die Entfernung zwischen hier und dem Mond.

Und trotzdem:

Wir waren frei.

Wir zogen los.

Wir spielten draußen.

Wir bauten irgendeinen Unsinn.

Wir kannten die Gegend.

Wir kannten die Bäume.

Wir kannten die Wege.

Und niemand hatte ein Handy in der Tasche, das alle fünf Minuten überprüfte, ob wir noch lebten.

Vielleicht war das tatsächlich eine gute Sache.

Schule konnte damals erstaunlich schön sein

Es gibt Dinge aus meiner Schulzeit, die ich mir heute tatsächlich zurückwünschen würde.

Wir hatten Schwimmunterricht.

Ich musste dafür teilweise in der Pause ins Bad hetzen.

Heute würde man wahrscheinlich erst einmal fünf Formulare ausfüllen, drei Einverständniserklärungen unterschreiben und einen Elternabend veranstalten.

Wir hatten Biologieunterricht, bei dem wir nach draußen gingen.

Wir sammelten Blätter.

Wir trockneten sie.

Wir glätteten sie.

Wir hefteten sie ab.

Wir lernten, welche Bäume um uns herum standen.

Und dann gab es den Schulgarten.

Jedes Kind hatte ein Stück Beet.

Wir mussten uns darum kümmern.

Gießen.

Unkraut jäten.

Aufpassen.

Und am Ende des Schuljahres wurde geerntet.

Das Gemüse ging zum Klassenlehrer.

Und der kochte daraus einen großen Gemüseeintopf für die Klasse.

Ich habe bis heute eine merkwürdige emotionale Beziehung zu Sellerie.

Nicht weil ich Sellerie besonders toll finde.

Sondern weil der Geruch mich sofort dorthin zurückkatapultiert.

In diesen Schulgarten.

In diese Zeit.

Manchmal reicht ein Stück Sellerie in der Hand und plötzlich ist man wieder acht Jahre alt.

Das Gehirn ist schon ein ziemlich verrücktes Ding.

Aber jetzt kommt der Teil, den die Nostalgie gern vergisst

Denn meine Kindheit war nicht nur Freibad, Schulgarten und Pittiplatsch.

Ich war Jungpionierin.

Und damit war ich Teil eines Systems, das Kinder nicht nur betreuen, bilden und beschäftigen wollte.

Es wollte sie auch politisch formen.

Fahnenappell.

Pioniergruß.

„Für Frieden und Sozialismus – seid bereit!“

„Immer bereit!“

Und ich gehörte sogar zu den Kindern, die bei solchen Appellen schon einmal vorgerufen wurden.

Um gerügt zu werden.

Vor der gesamten Schule.

Ich erinnere mich bis heute daran.

Dieses Gefühl, vor allen anderen zu stehen und zu wissen:

Jetzt schauen mich alle an.

Das vergisst man nicht.

Und genau da beginnt für mich die Schwierigkeit mit der Nostalgie.

Denn ja:

Das Gemeinschaftsgefühl war real.

Aber auch der Druck war real.

Die Gemeinschaft war nicht immer freiwillig.

Und Individualität war nicht unbedingt das, was besonders gefördert wurde.

Und dann war da der Mangel

Direkt neben unserem Haus war ein Konsum.

Ich weiß noch, dass wir trotz guter Kontakte zu den Menschen, die dort arbeiteten, oft anstehen mussten.

Für Lebensmittel.

Manchmal lange.

Bananen waren etwas Besonderes.

Orangen und Mandarinen zu Weihnachten ebenfalls.

Ich erinnere mich an eine Orange im Schuh zu Nikolaus.

Ich habe mich darüber irre gefreut.

Heute müsste man einem Kind wahrscheinlich erklären, warum eine Orange überhaupt ein Geschenk sein soll.

Damals war sie es.

Und vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum sich manche Menschen später so gerne an diese Zeit erinnern.

Nicht weil der Mangel schön war.

Sondern weil Freude damals manchmal aus unglaublich kleinen Dingen entstand.

Eine Orange.

Ein Stück Schokolade.

Eine neue Kassette.

Ein Besuch.

Ein Urlaub.

Ein Freibadnachmittag.

Ein Spielzeug.

Wir hatten weniger.

Und deshalb konnte weniger manchmal mehr bedeuten.

Aber daraus zu schließen, dass der Mangel selbst etwas Schönes gewesen sei, wäre Unsinn.

Urlaub war damals eine ganz andere Geschichte

Ich war oft mit meiner Oma im Urlaub.

Und diese Urlaube gehören zu den Erinnerungen, die ich wirklich vermisse.

Urlaub funktionierte in der DDR allerdings nicht so wie heute.

Man suchte sich nicht einfach auf Booking.com ein Hotel aus, klickte auf „buchen“ und hatte fünf Minuten später die Bestätigung im Mailpostfach.

Viele Ferienplätze liefen über den FDGB oder über Ferienobjekte der Betriebe.

Das bedeutete:

Man beantragte einen Platz.

Dann wartete man.

Und hoffte.

Die Plätze waren stark subventioniert und dadurch vergleichsweise günstig.

Aber günstig bedeutet eben nicht automatisch frei verfügbar.

Ich hatte Glück mit meiner Großeltern.

Und ich erinnere mich daran.

Sehr gerne sogar.

Und dann gab es das Ferienlager

Ich war einmal allein in einem Ferienlager.

Und ich hatte Heimweh.

So richtig.

Heute würde ein Kind wahrscheinlich irgendwann anrufen:

„Mama, hol mich ab.“

Damals?

Wir hatten kein Telefon zu Hause.

Wenn man jemanden erreichen wollte, schrieb man einen Brief.

Und dann wartete man.

Das klingt heute fast absurd.

Ein Kind mit Heimweh.

Kein Handy.

Kein WhatsApp.

Kein Videoanruf.

Kein „Ich bin in fünf Minuten da“.

Nur ein Brief.

Und trotzdem hatte das Ferienlager natürlich auch seine schönen Seiten.

Nachtwanderungen.

Lagerfeuer.

Spiele.

Sport.

Neptunfeste.

Und obwohl ich Heimweh hatte, wollte ich wieder hin.

Dazu kam es nicht mehr.

Dann fiel die Mauer

Ich war fast neun.

Und plötzlich wurde meine Welt größer.

Nicht langsam.

Nicht vorsichtig.

Sondern mit einem Schlag.

Die Mauer fiel.

Die Grenzen öffneten sich.

Und plötzlich gab es dieses andere Deutschland.

West-Berlin.

Westgeld.

Westläden.

Westspielzeug.

Westfernsehen.

Westkaugummi.

Westen überall.

Wenn ich heute darüber nachdenke, ist das eigentlich eine ziemlich absurde Vorstellung: Da sitzt ein neunjähriges Kind in einem völlig überfüllten Zug der Deutschen Reichsbahn und fährt in eine Welt, von der es bis dahin nur eine ziemlich abstrakte Vorstellung hatte.

Ich erinnere mich an diese Fahrt.

An die Menschen.

An die Enge.

Daran, dass ich teilweise auf dem Boden saß und eigentlich nur Jeansbeine, Schuhe, Taschen und Koffer um mich herum gesehen habe.

Die Luft war stickig.

Überall Wintermäntel.

Und wahrscheinlich roch es nach allem, was Menschen eben so mit in einen überfüllten Zug nehmen.

Aber gleichzeitig war da diese unglaubliche Spannung.

Alle wollten irgendwohin.

Alle wollten sehen.

Alle wollten dabei sein.

Und vermutlich wusste niemand so richtig, was da eigentlich gerade passierte.

Wir fuhren in den Westen.

Heute klingt dieser Satz fast banal.

Damals war er riesig.

Und dann war da plötzlich dieses West-Berlin.

Ich weiß nicht mehr jedes Detail.

Aber ich erinnere mich an das Gefühl.

An Licht.

An Farben.

An Schaufenster.

An diese unglaubliche Menge an Dingen.

Alles war bunt.

Alles war verpackt.

Alles glänzte.

Alles schien möglich.

Für ein Kind war das ziemlich überwältigend.

Noch im November 1989 reisten Millionen DDR-Bürger in den Westen. Die Bundesrepublik zahlte DDR-Bürgern zunächst 100 D-Mark Begrüßungsgeld.

Und ja:

Ich erinnere mich an das Begrüßungsgeld.

100 D-Mark.

Für uns war das damals verdammt viel Geld.

Und gleichzeitig stellte sich ziemlich schnell heraus:

100 D-Mark sind gar nicht so viel, wenn plötzlich eine komplette neue Welt vor dir steht und alles darin „Kauf mich!“ schreit.

Ich weiß noch, was aus unserem Geld wurde.

Ein Walkman.

Kassetten.

Snap.

Michael Jackson.

Und für meinen kleinen Bruder gab es irgendeine Plüschfigur von ALF.

Dabei hatten wir überhaupt keine Ahnung, wer ALF eigentlich war.

Mein Bruder fand dieses Plüschding einfach großartig.

Er nahm es überall mit hin.

Er ließ es nicht aus den Augen.

Und irgendwann, viel später, als es die ersten Videotheken gab und man für ziemlich viel Geld einen Videorekorder und ein paar Kassetten ausleihen konnte, haben wir tatsächlich einen ALF-Film ausgeliehen.

Und ich werde diesen Moment wahrscheinlich nie vergessen.

Mein kleiner Bruder saß vor dem Fernseher.

Schaute ALF an.

Und war völlig schockiert.

Dann sagte er:

„Der kann ja reden!“

Ich finde, dieser eine Satz beschreibt die Wende für mich heute besser als manche Dokumentation.

Denn genau das war es doch auch:

Überforderung.

Nicht nur Freude.

Nicht nur Freiheit.

Nicht nur „Hurra, jetzt ist alles besser“.

Sondern eine Welt, die sich innerhalb kürzester Zeit so radikal veränderte, dass man überhaupt erst einmal lernen musste, mit ihr klarzukommen.

Wir hatten plötzlich Dinge, die wir vorher nicht hatten.

Aber wir hatten nicht automatisch das Geld dafür.

Wir hatten Freiheit.

Aber nicht automatisch Sicherheit.

Wir hatten Möglichkeiten.

Aber nicht automatisch die Mittel, sie zu nutzen.

Und damit begann für mich ein Teil meiner Geschichte, über den man bei der großen Erzählung von der Wiedervereinigung manchmal viel zu leicht hinweggeht.

Und dann kam meine Jugend

Die Wende bedeutete Freiheit.

Aber Freiheit bedeutet nicht automatisch Wohlstand.

Unsere Familie gehörte weder in der DDR noch danach zu denen, die plötzlich am großen Konsum teilhaben konnten.

Im Gegenteil.

Irgendwann wurde das Geld nicht nur knapp.

Es wurde richtig knapp.

Teilweise so knapp, dass selbst Lebensmittel schwierig wurden.

Während in den Schaufenstern plötzlich diese neue, glänzende Welt stand, mussten manche Familien erst einmal herausfinden, wie sie überhaupt durch diese neue Welt kommen sollten.

Urlaub mit Oma?

Vorbei.

Ferienlager?

Vorbei.

Und irgendwann begann ich neben der Schule zu arbeiten.

Zeitungen austragen.

Regale einräumen.

Früh morgens Gemüse schnippeln in einer Dönerbude.

Das klingt heute vielleicht nach einer netten Geschichte über ein fleißiges Kind.

War es aber nicht unbedingt.

Es macht etwas mit einem, wenn man früh darüber nachdenkt, wie man ein bisschen Geld verdienen kann.

Du wirst schneller erwachsen.

Du lernst, dass Dinge Geld kosten.

Und du lernst vielleicht auch früher als andere, dass Freiheit und Wohlstand zwei völlig verschiedene Dinge sind.

Aber natürlich war meine Jugend trotzdem schön.

Es war meine Jugend.

Und da waren Walkman.

Dann CDs.

VIVA.

MTV.

Nirvana.

Eurodance.

Techno.

Irgendwann die ersten Handys.

Und dieses unglaubliche Gefühl, dass plötzlich so vieles möglich war.

Wir konnten reisen.

Wir konnten sagen, was wir wollten.

Wir konnten unsere Zukunft selbst planen.

Und genau deshalb ist meine Erinnerung an diese Zeit so kompliziert.

Sie ist nicht schwarz.

Sie ist nicht weiß.

Sie ist voller Farben.

Deshalb kann ich über „die guten alten Zeiten“ nicht einfach lachen

Denn wenn heute jemand sagt:

„Früher war alles besser.“

Dann möchte ein Teil von mir tatsächlich sagen:

Ja.

Ich vermisse einiges.

Ich vermisse meine Großeltern.

Ich vermisse diese Urlaube.

Ich vermisse, dass Kinder einfach draußen waren.

Ich vermisse das Gefühl, dass Schule und Hort nicht nur Wissensvermittlung waren, sondern Orte, an denen sich jemand kümmerte.

Ich vermisse, dass ein Kind nicht permanent erreichbar sein musste.

Ich vermisse, dass wir uns beschäftigen mussten.

Und ja:

Ich vermisse manchmal sogar dieses Gefühl von Gemeinschaft.

Aber dann kommt der andere Teil von mir.

Der sagt:

Moment.

Wir dürfen bei all dem schönen Erinnern nicht vergessen, was ebenfalls zu dieser Vergangenheit gehörte.

Unfreiheit.

Politische Indoktrination.

Mangel.

Kontrolle.

Überwachung.

Menschen, die nicht frei reisen durften.

Menschen, deren Lebenswege davon beeinflusst wurden, wie angepasst sie waren.

Menschen, die wegen ihrer politischen Überzeugungen verfolgt wurden.

Das war ebenfalls „früher“.

Nur eben nicht der Teil, an den man sich sonntags bei Kaffee und Kuchen besonders gerne erinnert.

Denn so funktioniert Erinnerung.

Wir speichern Gerüche.

Menschen.

Musik.

Orte.

Gefühle.

Das Gute bleibt oft erstaunlich hell.

Das Schlechte wird mit der Zeit unscharf.

Und irgendwann sitzt man da und denkt:

Mensch, war das schön damals.

Ja.

Manchmal war es schön.

Aber das bedeutet noch lange nicht, dass alles schön war.

Und genau hier wird es politisch

Denn ausgerechnet heute höre ich wieder Politiker, die von einem vergangenen, sicheren und geordneten Deutschland erzählen.

Der AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, beschreibt seine Kindheit unter anderem als eine Art „heile Welt“ und verbindet diese Vorstellung mit dem Wunsch nach einem Deutschland, das wieder sicherer und geordneter sein soll.

Und da werde ich hellhörig.

Nicht, weil ich nicht verstehen könnte, warum diese Botschaft funktioniert.

Im Gegenteil.

Ich verstehe sie ziemlich gut.

Denn natürlich klingt es verlockend.

Ein Deutschland, in dem Kinder draußen spielen.

In dem man sich sicher fühlt.

In dem Nachbarn füreinander da sind.

In dem alles irgendwie einfacher war.

In dem nicht jede verdammte Veränderung sofort nach Krise klingt.

Wer möchte das nicht?

Ich schon.

Aber dann frage ich mich:

Welches Früher eigentlich?

Das der 80er?

Dann kann ich aus eigener Erfahrung sagen:

Nein – abgesehen von der Musik.

Bitte nicht.

Das der 90er?

Auch da muss ich ein bisschen schmunzeln.

Nicht, weil die 90er nicht schön waren.

Sie waren meine Jugend.

Natürlich waren sie schön.

Aber sie waren eben nicht diese romantische Zeit, die man heute manchmal daraus macht.

Es gab massive wirtschaftliche Umbrüche.

Arbeitslosigkeit.

Existenzängste.

Regionen, die nach der Wiedervereinigung wirtschaftlich massiv zu kämpfen hatten.

Familien, die auseinandergerissen wurden, weil Arbeit plötzlich irgendwo anders war.

Und auch gesellschaftlich war diese Zeit alles andere als eine heile Welt.

Es gab rechtsextreme Gewalt.

Es gab soziale Unsicherheit.

Es gab Verlierer der Wiedervereinigung.

Und es gab Menschen, die wie meine Familie erst einmal lernen mussten, in dieser neuen Freiheit überhaupt anzukommen.

Freiheit ist großartig.

Aber sie bezahlt dir nicht automatisch den Kühlschrank.

Vielleicht ist das unser eigentliches Problem mit der Vergangenheit

Wir erinnern uns nicht objektiv.

Wir erinnern uns emotional.

Ich rieche Sellerie und bin wieder im Schulgarten.

Ich denke an eine Orange und sehe meinen Nikolausstiefel.

Ich höre bestimmte Musik und bin wieder 14.

Ich denke an meine Oma und bin plötzlich wieder im Urlaub.

Ich sehe einen Walkman und denke nicht an Technik.

Ich denke an Freiheit.

An Musik.

An dieses Gefühl, plötzlich etwas zu besitzen, das vorher unerreichbar schien.

Unser Gehirn macht aus Vergangenheit keine Excel-Tabelle.

Es macht Geschichten daraus.

Und Geschichten sind verdammt mächtig.

Sie können uns erzählen:

„Damals war alles besser.“

Obwohl damals vielleicht vieles einfach nur anders war.

Und manchmal ist es sogar noch komplizierter.

Vielleicht vermissen wir gar nicht die Zeit.

Vielleicht vermissen wir uns selbst in dieser Zeit.

Wir waren jünger.

Unsere Eltern waren jünger.

Unsere Großeltern waren noch da.

Wir hatten weniger Verantwortung.

Wir wussten noch nicht, was alles passieren würde.

Vielleicht vermissen wir nicht die 90er.

Vielleicht vermissen wir das Gefühl, 15 zu sein.

Und das kann uns niemand politisch zurückgeben.

Egal, wie schön der Slogan klingt.

Was ich mir tatsächlich zurückwünschen würde

Ich wünsche mir die DDR nicht zurück.

Ganz sicher nicht.

Ich wünsche mir auch nicht die 90er zurück.

Ich wünsche mir etwas viel Einfacheres:

Ich wünsche mir manche Dinge von damals in unserer heutigen Welt.

Ich wünsche mir Kinder, die draußen spielen.

Ich wünsche mir Schulen, in denen Kinder nicht nur funktionieren müssen, sondern neugierig sein dürfen.

Ich wünsche mir mehr Gemeinschaft.

Ich wünsche mir Nachbarschaften, in denen man sich kennt.

Ich wünsche mir weniger digitale Dauerbeschallung.

Ich wünsche mir, dass Kinder wieder wissen, wie ein Baum aussieht, bevor sie wissen, wie viele Likes ihr letzter TikTok-Post bekommen hat.

Ich wünsche mir Ferien, an die man sich erinnert, weil man etwas erlebt hat – nicht weil man 600 Fotos davon gemacht hat.

Und ich wünsche mir vielleicht vor allem eines:

Dass wir aufhören, Vergangenheit und Gegenwart gegeneinander auszuspielen.

Denn früher war nicht alles besser.

Aber heute ist auch nicht alles besser.

Das ist vielleicht die unbequemste Wahrheit.

Natürlich läuft heute vieles falsch.

Wir dürfen über Bürokratie schimpfen.

Über marode Infrastruktur.

Über fehlende Wohnungen.

Über politische Fehlentscheidungen.

Über Migration.

Über Schulen.

Über die Bahn.

Über steigende Preise.

Über alles, was uns nervt.

Demokratie bedeutet nicht, dass man die Regierung toll finden muss.

Im Gegenteil.

Man darf enttäuscht sein.

Man darf wütend sein.

Man darf Veränderung fordern.

Man darf sagen:

„So kann es nicht weitergehen.“

Aber aus einem

„Heute läuft einiges falsch.“

darf nicht automatisch ein

„Deshalb war früher alles besser.“

werden.

Und schon gar nicht:

„Deshalb brauchen wir jemanden, der uns zurückführt.“

Denn zurück wohin?

In welches Jahr?

Zu welchem Deutschland?

Und vor allem:

Für wen?

Vielleicht sollten wir stattdessen nach vorne schauen

Ich glaube inzwischen, dass „früher war alles besser“ häufig eigentlich etwas ganz anderes bedeutet.

Vielleicht bedeutet es:

„Früher habe ich mich sicherer gefühlt.“

Oder:

„Früher war ich jünger.“

Oder:

„Früher war meine Oma noch da.“

Oder:

„Früher musste ich mir über bestimmte Dinge noch keine Gedanken machen.“

Oder vielleicht einfach:

„Früher war mein Leben anders und ich vermisse einen Teil davon.“

Das ist völlig legitim.

Ich vermisse auch Teile davon.

Sehr sogar.

Aber ich möchte nicht zurück.

Ich möchte die guten Dinge mitnehmen.

Den Schulgarten.

Das Draußensein.

Das gemeinsame Essen.

Die Ferien.

Die Einfachheit.

Das Gefühl, dass nicht alles sofort verfügbar sein muss.

Und ich möchte den Rest dort lassen, wo er hingehört:

in der Vergangenheit.

Denn meine Kindheit darf schön gewesen sein, ohne dass das System, in dem ich sie erlebt habe, deshalb schön gewesen sein muss.

Das eine schließt das andere nicht aus.

Und genauso darf ich heute sagen, dass vieles in Deutschland schiefläuft, ohne deshalb bereit zu sein, meine Zukunft an eine politische Bewegung zu verschenken, die mir eine romantisierte Vergangenheit verkaufen möchte.

Und genau deshalb macht mir die Wahl heute Sorgen

Was mich besonders beschäftigt, sind junge Menschen, die eine Zeit wählen oder idealisieren, die sie selbst gar nicht erlebt haben.

Ich kann verstehen, dass man unzufrieden ist.

Ich kann verstehen, dass man wütend ist.

Ich kann verstehen, dass man das Gefühl hat, von der Politik nicht gesehen zu werden.

Und ich finde sogar, dass eine Demokratie genau solche Gefühle aushalten muss.

Aber eine Protestwahl ist kein Wutanfall, den man am nächsten Morgen einfach wieder zurücknehmen kann.

Ein Kreuz auf einem Wahlzettel ist schnell gemacht.

Die Konsequenzen davon sind es nicht.

Deshalb hoffe ich heute ganz ehrlich, dass niemand sein Kreuz bei der AfD macht, nur um es denen da oben einmal zu zeigen.

Denn wenn ich eines aus meiner eigenen Geschichte gelernt habe, dann vielleicht genau das:

Veränderung ist nicht automatisch Verbesserung.

Und Freiheit ist nichts, mit dem man leichtfertig spielen sollte.

Ich will keine politische Welt, in der mir jemand verspricht, alles wieder so zu machen wie früher.

Ich will eine, die fragt:

Wie machen wir es besser als früher?

Das ist ein Unterschied.

Ein ziemlich großer sogar.

Denn wer die guten Sachen aus der Vergangenheit zurückhaben möchte, müsste konsequenterweise auch die schlechten wieder mitnehmen.

Und darauf habe ich ehrlich gesagt keine Lust.

Ich nehme meinen Walkman.

Meine Kassetten.

Meine Oma.

Den Schulgarten.

Das Freibad.

Das Draußensein.

Die Ferien.

Die Gemeinschaft.

Die Erinnerungen.

Den Rest dürfen wir gerne dort lassen, wo er hingehört.

Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Erinnerung und Nostalgie

Erinnerung sagt:

„So war es.“

Nostalgie sagt:

„So war es besser.“

Und vielleicht sollten wir genau an dieser Stelle vorsichtig werden.

Denn zwischen diesen beiden Sätzen liegt manchmal eine ganze politische Welt.

Und bevor wir uns nach einer vermeintlich besseren Vergangenheit sehnen, sollten wir vielleicht einmal ganz ehrlich fragen:

Würden wir dort wirklich wieder leben wollen?

Mit allem.

Nicht nur mit dem Freibad.

Nicht nur mit der Musik.

Nicht nur mit den Sommerferien.

Nicht nur mit dem Gefühl, jung zu sein.

Mit allem.

Ich weiß für mich die Antwort.

Und die lautet:

Nein.

Ich möchte nicht zurück.

Ich möchte nach vorne.

Aber ich möchte dabei verdammt gerne ein paar Dinge aus meiner Vergangenheit mitnehmen.

Vielleicht ist das überhaupt die vernünftigste Form von Nostalgie.

Nicht zurückgehen.

Sondern sich erinnern und daraus etwas Besseres bauen.

Und jetzt würde mich tatsächlich eure Meinung interessieren.

Was bedeutet „früher war alles besser“ für euch?

Ist das echte Erfahrung?

Nostalgie?

Oder manchmal einfach der Satz, den man sagt, wenn man merkt, dass sich die Welt schneller verändert, als man selbst hinterherkommt?

Und ganz ehrlich:

Was aus eurer Kindheit würdet ihr sofort zurückholen, wenn ihr könntet – und was würdet ihr auf gar keinen Fall wiederhaben wollen?

Ich bin gespannt.

Ich sitze hier schließlich immer noch mit meinem Kaffee.

Klößchen schläft.

Und ich habe gerade festgestellt, dass ich inzwischen fast mein halbes Leben aufgeschrieben habe, nur weil eine Katze beschlossen hat, mich heute Morgen zu wecken.

Vielleicht ist das auch eine Art von Sonntagsritual.

Man weiß nie genau, wo man anfängt.

Aber manchmal weiß man am Ende ziemlich genau, warum man angefangen hat.

Einen schönen Sonntag euch.

Und denkt daran:

Wenn Klößchen euch morgens weckt, hat sie selbstverständlich nicht Hunger.

Sie möchte nur überprüfen, ob ihr noch funktioniert.

Und danach schläft sie.

Was soll ich sagen?

Manche Dinge waren früher tatsächlich besser.

Zum Beispiel mein Schlaf. Ihrer hingegen funktioniert hervorragend…

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