Zeit für den Blog „Wort zum Sonntag“.
Heute etwas länger, etwas ausführlicher und vielleicht auch etwas tiefer.
Als erstes muss ich gestehen, dass ich mich gerade ein wenig ärgere. Das Wetter in den letzten Tagen war wirklich toll und ich habe es eigentlich nur am 01. Mai richtig genutzt, als ich einen wundervollen Tag in München verbringen durfte.
Ich hatte mir vorgenommen, hier ein wenig an den Baggersee zu gehen – neiiiiin, nicht zum Schwimmen, so irre bin ich auch wieder nicht. Aber um ein wenig auf einer Decke zu liegen, das Wetter zu genießen, leckere Honigmelone bei…
Ja. Gestern habe ich mein Popöchen nicht hochbekommen und heute ist das Wetter mies. Und laut Wetterbericht, den ich seit Wochen nicht mehr gecheckt habe, ist es wohl auch auf absehbare Zeit eher mau.
Was lernen wir daraus?
Nutze den Moment, wenn er sich bietet.
Nun muss ich meine Honigmelone wohl auf dem Sofa essen.
Ich schreibe diesen Blog übrigens meistens wirklich am Sonntagmorgen im Bett. Kaffee neben mir – eigentlich eine schöne Sache, die nun langsam zur Gewohnheit wird und sich richtig gut anfühlt.
Me Time.
Auch wenn ich sie mit euch teile.
Vorhin habe ich also überlegt, was ich mit diesem bewölkten Tag anfange. Um nicht schon wieder völlig unproduktiv auf dem Sofa zu versacken, könnte ich wenigstens noch ein paar Schränke ausmisten – Vorbereitungen für den großen Umzug.
Heute in sechs Wochen ist es soweit, dann gibt es die Schlüssel. Fühlt sich irgendwie noch nicht ganz real an, aber ich freue mich total darauf.
Ich muss mich selbst ausbremsen, hier und da. Sonst würde ich jetzt schon Möbel auseinanderbauen, Kisten packen und wochenlang auf einer Baustelle wohnen.
Gleichzeitig weiß ich, dass das Timing gerade das Wichtigste ist. Denn ich bin derzeit nicht super belastbar. Ich kann nicht mehr alles so wie früher – mit der Brechstange und mit Nachtschichten, wenn es sein muss. Das schaffe ich gerade körperlich nicht.
Also versuche ich, mich anders vorzubereiten. Wie ein kleiner Nerd mache ich Listen. Einkaufslisten, bei denen ich im Prinzip nur noch auf den Button zum Bestellen klicken müsste.
Ja… könnte ich auch jetzt schon.
Habe ich auch schon zum Teil.
Das Resultat ist ein mit Kartons vollgestellter Flur mit Dingen für die neue Wohnung. Nur bedingt sinnvoll, wenn man da noch durch muss.
Also zwinge ich mich zur Geduld.
Und will gleichzeitig gut vorbereitet sein.
Den großen Umzug musste ich genau aus dem Grund um eine Woche verschieben.
Geduld.
Geduld mit mir selbst und meinem Körper.
Vier Tage Zeit, um die neue Wohnung komplett zu streichen, während ich auch voll arbeite – wäre früher kein Thema gewesen. Heute muss ich da realistisch einen Schritt zurück machen und sagen: Okay… das könnte knapp werden.
Sich das selbst einzugestehen ist wahrscheinlich eines der größten Learnings gerade. Die schwerste Aufgabe – und gleichzeitig ein wahnsinniges inneres Wachstum.
Die letzten Wochen und Monate waren brutal für mich.
Ja, ich habe hier und da mal durchblicken lassen, dass da gesundheitlich etwas nicht gut läuft. Aber ich war nicht bereit, offen darüber zu sprechen. Vielleicht auch, weil da noch die Hoffnung war, dass sich alles noch mal dreht. Dass es einfach nur ein beschissener Traum ist, aus dem man irgendwann aufwacht.
Und ja – ich habe mit meinen kleinen Freunden Morbus Bechterew (mein kleiner Russe), der Psoriasis, der Psoriasis-Arthritis und dem Diabetes bereits genug kleine Arschlochfreunde in meinem Leben.
Es hätte gereicht.
Und diese Diagnosen waren nie einfach. Manche haben Jahrzehnte gedauert. Aber als ich sie hatte, war es irgendwie okay. Ich kannte den Namen meines Gegners.
Diesmal war und ist es ein wenig anders.
Es war ein Zufallsbefund.
Ich habe seit geraumer Zeit Probleme mit dem Sehen. Nichts, was mir komplett fremd ist, da ich bereits mit meinem rechten Auge – oder besser gesagt der Augenhöhle – schon öfter Probleme hatte. Da haben sich in der Vergangenheit unliebsame „Untermieter“ eingenistet, die dann operativ entfernt werden mussten.
Das war also meine Vermutung.
Also ab in die Augenklinik – nach langem Hin und Her und 13 Jahre nach der letzten OP mal wieder checken lassen.
Nach dem zweiten Termin mit MRT stand fest:
In der Augenhöhle ist nichts.
Prima.
Ein kurzer Moment der Erleichterung, der direkt von der Frage abgelöst wurde, was es dann ist – denn meine Probleme waren ja noch da.
Kurz darauf bekam ich einen Anruf der Klinik, dass ich doch noch einmal vorbeikommen muss. Der komplette MRT-Befund sei nun da und man müsse da noch etwas abklären…
Lange Rede, kurzer Sinn: Seitdem habe ich viele Urlaubstage geopfert, um Arzttermine wahrzunehmen. Manchmal bis zu drei pro Woche.
Und jetzt versuche ich, mich damit anzufreunden, einen neuen Stempel auf meiner „Shit-Bingo-Karte“ zu haben:
Die Diagnose MS.
Und im Gegensatz zu den anderen Diagnosen fällt und fällt es mir diesmal viel, viel schwerer.
Ich habe das Gefühl, dass es alles verändert.
Mich.
Meine Einstellung zu vielen Dingen.
Mein ganzes Leben.
Meine Zukunft.
Meine Pläne.
Zusammen mit der Wohnungsgeschichte war das oft einfach zu viel.
Meine Kraft hat dafür nicht gereicht.
Und ich habe diesmal länger gebraucht, um meine trotzige „Jetzt erst recht“-Mentalität wiederzufinden.
Vielmehr musste ich erkennen und lernen, dass „Leiden“ manchmal okay ist – und nichts über die Stärke eines Menschen aussagt.
Bin ich nun aus diesem Leiden raus, nur weil ich jetzt zumindest an dem Punkt bin, das Kind beim Namen nennen zu können?
Nein.
Vermutlich nicht.
Aber ich bin auf einem positiven Weg. In die richtige Richtung.Ich nehme die Veränderungen, die es mit mir macht, langsam an. Erkenne, dass es eine andere Version meiner selbst aus mir macht – ohne direkt zu urteilen, ob es eine bessere oder schlechtere ist.
Hier und da blitzt ein kleiner Kampfgeist auf.
Der mir klar macht, dass ich mich um mich und meinen Körper kümmern muss – sobald das Chaos in meinem Leben mir den Raum dafür bietet.
Und ich fange an, mich auf die Zeit nach dem Umzug zu freuen. Wenn ich genau dafür Zeit haben werde.
Und auch wenn ich mit dem Verlauf der Krankheit hoffentlich Glück haben werde, habe ich aufgehört, mir etwas vorzumachen:
Dass alles wieder so wird wie früher.
Das wird es nicht.
Ich werde nicht mehr sein wie früher.
Aber…
keiner sagt, dass es zwingend schlechter sein muss.
Oder?
In diesem Sinne wünsche ich euch allen einen wundervollen Sonntag. Und vergesst nicht, nutzt den Moment, wenn er sich bietet. Das Leben ist zu kurz für ein “ das machen wir irgendwann mal „.