Gedanken, Leben & das dazwischen
Guten Morgen zusammen!
Habt ihr das heute Morgen auch gespürt? Das erste Mal seit Tagen ist es richtig frisch da draußen, als ich das Fenster geöffnet habe. Ich musste erst mal tief durchatmen. Genau diese Abkühlung habe ich gebraucht. Die Wettervorhersage sagt zwar, dass es schön bleibt, aber nicht mehr ganz so heiß für die letzte Woche meines Urlaubs. Und wisst ihr was? Ich war diesen ganzen Urlaub noch nicht einmal am Baggersee. Mir fehlte einfach völlig die Zeit. Verdammt. Aber… ich werde mir auch so eine schöne Woche machen. Und ihr hoffentlich auch!
Bevor wir in die tiefen Themen eintauchen, gibt es nämlich einen riesigen Meilenstein zu verkünden: Das Kapitel „alte Wohnung“ hat diese Woche endlich, endlich ein Ende gefunden. Ich habe die Schlüssel übergeben. Ja, das hat alles viel länger gedauert als gedacht und deutlich mehr Zeit meines Urlaubs verschlungen, als ich eigentlich opfern wollte. Aber es ist vollbracht. Und in manchen Situationen geht es vielleicht auch gar nicht um das Tempo. Es ging eben so gut, wie es ging – und das ist völlig okay.
Dafür habe ich gestern auch gleich die letzte größere Baustelle in der neuen Wohnung beendet. Im Schlafzimmer an der Fensterfront habe ich die komplette Wand mit Sideboards verkleidet, die jetzt gleichzeitig meinen neuen Schreibtisch direkt am Fenster bilden – oben drauf liegt eine wunderschöne Holzplatte. Anfangs wollte ich sie unbehandelt lassen, aber es stellte sich schnell heraus, dass das eine ziemlich dämliche Idee war. Also: Kommando zurück, alle Kanten abschleifen und das Ganze viermal lackieren. Es fehlt zwar noch die zündende Idee für einen Kabelschacht, um das ganze Kabelchaos elegant zu verstecken, aber ansonsten? Es steht. Und es fühlt sich verdammt gut an.
Das fehlende Puzzlestück: Warum ich „otrovertiert“ bin
Kommen wir zu etwas, das mich diese Woche gedanklich intensiv beschäftigt hat. Ich bin über einen Artikel in der GEO gestolpert mit dem Titel: „Bin ich otrovertiert? Über das Gefühl, nicht richtig dazuzugehören“. Als ich das gelesen habe, hat es sich angefühlt, als hätte ich das fehlende Puzzlestück meiner eigenen Persönlichkeit gefunden.
Ich habe mich tendenziell mein Leben lang als introvertiert eingeschätzt. Das Kuriose daran: Viele in meinem Umfeld haben mir das nie geglaubt. Warum? Weil sie mich im Beruf erleben. Da bin ich anders – schlicht, weil ich anders sein muss. Was man von außen aber nicht sieht (oder vielleicht auch nie sehen wollte), ist, wie unendlich viel Kraft mich das kostet. Warum das so ist, versteht kaum jemand, der nicht selbst so tickt. Genau aus diesem Grund ist das Home Office für mich übrigens ein absoluter Segen. Wenn es sein muss, kann ich da draußen „Front of House“ stehen, die Bühne betreten und abliefern. Aber es zieht mir enorm viel Energie – es sei denn, ich liebe mein „Publikum“ in diesem Moment und fühle mich absolut sicher und wohl.
Introvertiert und extrovertiert sind keine starren Schubladen. Es sind lediglich die äußersten Pole einer riesigen Skala – und dazwischen liegt eine ganze Welt.
GEO
Begrifflichkeiten wie „otrovertiert“ oder ambivertieren zeigen, wie wichtig es ist zu verstehen, dass es dieses Dazwischen geben muss. Wenn wir Menschen nur in zwei Lager aufteilen, zwingen wir uns selbst in Rollen, die uns krank machen können. Zu wissen, wo man auf dieser Skala steht, bedeutet, sich selbst zu finden. Es bedeutet zu verstehen, warum man nach einem Tag voller Menschen einfach nur Stille braucht, obwohl man Stunden zuvor noch gelacht und geredet hat. Es gibt einem die Erlaubnis, genau so zu sein, ohne das Gefühl zu haben, „nicht richtig“ zu sein.
Vom Weglächeln und der großen Doppelmoral
Ein ganz anderes Thema, das mir diese Woche den Puls hochgejagt hat, ist politischer Natur. Es geht um Jens Spahn. Der Typ hat in seiner politischen Vergangenheit so viel verbockt, dass ich zeitweise echte Angst hatte, er könnte irgendwann mal als Kanzlerkandidat enden. Dabei spielt es für mich – um das unmissverständlich klarzustellen – absolut keine Rolle, ob er schwul ist. Hier geht es einzig und allein um seinen Job. Es gab massive Verfehlungen, die er in der Vergangenheit mit einer ganz bestimmten, arroganten Art einfach weggelächelt hat. Und es ist absolut bezeichnend für unsere politische Landschaft, dass er für all das im Laufe der Jahre auch noch konsequent befördert und belohnt wurde.
Und nun? Nun bringt ihn ausgerechnet sein Privatleben politisch zu Fall. Nicht, weil er schwul ist, und nicht, weil er und sein Ehemann ein Kind bekommen haben. Alles Dinge, die ich ihm von Herzen gönne. Es geht hier auch gar nicht um meine persönliche Meinung, ob eine Leihmutterschaft ethisch richtig oder falsch ist. Es geht um die unerträgliche Doppelmoral.
Es geht darum, dass ich als Spitzenpolitiker der Gesellschaft im eigenen Land etwas gesetzlich verbiete, es mir selbst jedoch im Ausland – dank meines Status und der entsprechenden finanziellen Mittel – ganz geschmeidig realisiere. Ein Privileg, das dem überwiegenden Teil der Menschen, für die er als Politiker eigentlich tätig ist und von denen er bezahlt wird, völlig verwehrt bleibt. Zumal er selbst in der Vergangenheit fleißig dagegen gestimmt hat.
In seinem Rücktritts- oder Abschiedsschreiben betonte er nun pathetisch, dass ihm seine Familie am wichtigsten sei und sein privates Glück nicht mit der politischen Rolle in Einklang zu bringen war. Zudem äußerte er sich besorgt über die „zunehmende Unerbittlichkeit in der öffentlichen Auseinandersetzung“. Ich bin ehrlich gesagt schockiert über diese Jammeraussage, über die absolute Abwesenheit von Selbstreflexion und über eine dreiste Lüge, die scheinbar kaum jemandem auffällt: Wenn dein privates Glück angeblich nicht mehr mit deiner politischen Rolle in Einklang zu bringen ist – warum zum Teufel bist du dann weiterhin im Bundestag? Herr Spahn behält nämlich ganz normal sein Mandat als Bundestagsabgeordneter. Er erhält weiterhin die reguläre Abgeordnetenentschädigung (Diäten) von aktuell 11.833,47 Euro brutto monatlich, plus aller Pauschalen, und er wird auch in Zukunft fleißig im Parlament mitabstimmen… Übrigens vermutlich auch weiterhin gegen Punkte wie die Leihmutterschaft.
Am Ende des Tages zeigt das mal wieder glasklar, wie Politik in weiten Teilen funktioniert. Kaum jemand versteht dieses System besser als er: Sage und stimme für die Dinge, die dich persönlich weiterbringen – sei es in der Politik oder für die Karriere danach. Dinge, die dir Geld bringen, die dir Macht sichern. Große Teile dieser Politik wirken korrupt und bestehen aus Einzelkämpfern, die primär nach ihrem eigenen finanziellen Vorteil schauen. Genau da fehlt die Glaubwürdigkeit – übrigens auch bei all jenen, die Spahn jetzt öffentlich hinterherweinen, wie beispielsweise ein Herr Wüst.
Die Ohnmacht und der gefährliche Hafen
Genau diese Politiker sind schuld daran, dass die Gesellschaft das Vertrauen in die Demokratie und die Institutionen verliert. Die Bürger bekommen immer und immer wieder vorexerziert, dass politisches Fehlverhalten in Deutschland kaum Konsequenzen hat, die wirklich wehtun. Und genau das treibt meiner Meinung nach die Menschen in die Arme der AfD. Nicht, weil es dort besser wäre – mitnichten! Sondern weil die Wähler scheinbar vor lauter Frust nicht mehr wissen, wohin, und die AfD ein wundervolles Auffangbecken für all die Wütenden und Enttäuschten bietet. Ohne dass diese Wähler merken, dass es dort genauso oder noch schlimmer weiterläuft.
Ein perfekter Beweis dafür war neulich der Auftritt von Ulrich Siegmund bei Lanz. Siegmund ist immerhin der AfD-Spitzenkandidat für die anstehende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Gegen ihn und die dortige AfD kamen im Februar massive Vorwürfe wegen Vetternwirtschaft, Überkreuz-Anstellungen und dem handfesten Verdacht auf Scheinbeschäftigung auf. Hat er die Anstellungen im TV bestritten? Gar nicht. Er sprach stattdessen lieber von einer „Medienkampagne“.
Seine Begründung für die Beschäftigung des eigenen Vaters und anderer Verwandter war an Dreistigkeit kaum zu überbieten: Die AfD habe es eben extrem schwer, „normales“ Personal zu finden, weil man ständig Angst haben müsse, dass sich Mitarbeiter vom Verfassungsschutz oder von Satiremagazinen wie der Titanic einschleusen.
Deshalb zähle in der Partei nur „absolutes familiäres Vertrauen“. Gleichzeitig behauptete er mehrfach rotzfrech, dass das seine Wähler ohnehin nicht interessiere, das seien „alte Geschichten“, die die aktuellen Probleme der Menschen nicht verbessern würden. Keine Reue, keinerlei Konsequenzen.
Gleichzeitig konnte – oder wollte – er konkrete Fragen zur tatsächlichen Politik der AfD im eigenen
Wahlprogramm kaum beantworten. Er verkaufte handfeste politische Vorhaben stattdessen als „Geheimnisse“, die er erst nach der Wahl lüften wolle… Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen.
Die AfD liegt derzeit in Sachsen-Anhalt bei 41%! Was beweist, dass selbst dieser Auftritt ihm 0,0 Stimmen gekostet hat, vermutlich sogar das Gegenteil.
Am Ende des Tages müssen wir uns als Gesellschaft fragen: Müssen wir wirklich immer erst mit erhobenem Zeigefinger in Länder wie Ungarn schauen, um Korruption und Vetternwirtschaft zu sehen und zu verurteilen? Oder müssen wir nicht vielmehr verdammt gut aufpassen, was direkt vor unserer eigenen Haustür passiert und welche Konsequenzen es eben nicht hat?
Wir sind als Gesellschaft nicht machtlos. Das zeigt am Ende auch der Fall Spahn, selbst wenn die Konsequenzen in meinen Augen ein absoluter Witz sind. Wir müssen nur anfangen, genauer hinzusehen, die Lügen zu entlarven und unsere Stimme laut zu machen. Fälle gibt es genug, vom Handeln von Katherina Reiche bis hin zum Informationsfreiheitsgesetz IFG.
In diesem Sinne: Macht euch trotz allem eine wunderbare Woche. Ich werde versuchen, meinen Schreibtisch einzuweihen (und die Kabel irgendwie zu bändigen).