„Du bist zeitlebens dafür verantwortlich für das, was du dir vertraut gemacht hast.“
„Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry Tweet
Diesen Satz aus dem Buch Der kleine Prinz habe ich vor vielen Jahren zum ersten Mal gelesen. Damals habe ich sofort an Klösschen gedacht. Ich erinnere mich noch, dass ich ein Bild von uns beiden dazu gepostet habe. Dieser Satz fühlte sich richtig an. Warm. Vertraut. Selbstverständlich.
Heute brennt er.
Denn heute sitzt er nicht mehr in meinem Kopf, sondern irgendwo tief in meiner Seele und trifft einen Schmerz, den ich kaum beschreiben kann. Ich habe das Gefühl, versagt zu haben. Das Gefühl, meiner Verantwortung nicht gerecht geworden zu sein.
Als mich damals eine Freundin fragte, ob ich Klösschen zu mir nehmen möchte, brauchte es ehrlicherweise einiges an Überzeugungsarbeit. Nicht, weil ich sie nicht wollte. Sondern weil ich großen Respekt vor genau dieser Verantwortung hatte. Mein Leben war schon immer ein wenig chaotisch. Ich fragte mich lange, ob ich einem anderen Lebewesen wirklich das geben kann, was es braucht. Ob das zu mir passt. Ob ich dem gerecht werden kann.
Dann sah ich sie.
Und damit war jede Vernunftdiskussion beendet.
Ich war schockverliebt.
Eigentlich heißt sie Klösschen. Aber wenn ich ehrlich bin, nenne ich sie bis heute viel häufiger „Mausi“.
Sie kam als Kämpferin in mein Leben. Als eine kleine Handvoll Mut, Wille und Stärke. Die einzige ihres Wurfes, die überlebt hatte. Ihre Mutter kümmerte sich nicht um sie, dazu kam ein großer Bauchwandbruch, der ihr einen kleinen Hängebauch bescherte.
Und trotzdem bewegte sie sich durch die Welt, als würde ihr all das überhaupt nichts ausmachen.
Von ihrem ersten Tag an hüpfte sie nicht nur durch meine Wohnung, sondern auch mitten durch mein Leben. Mit diesem kleinen Bauch, viel zu großem Selbstbewusstsein und dem festen Glauben, dass ihr die Welt gehört.
Wer bei uns das Sagen hatte, war erstaunlich schnell geklärt.
Ich war es jedenfalls nicht.
Wir wurden erstaunlich schnell zu einem Team.
Zwar immer nach ihren Regeln, aber darüber konnte man hinwegsehen.
Sobald sie alt genug war, stand die große Operation an. Unter anderem musste ihr Bauchwandbruch versorgt werden. Erst danach hörte ich auf, bei jedem ihrer waghalsigen Sprünge innerlich zusammenzuzucken. Zumindest ein bisschen. Denn Klösschen war nie die Katze, die sich Gedanken über Risiken machte.
Sie war ein Wirbelwind.
Und gleichzeitig eine Meisterin der Dekoration. Wobei „Dekoration“ vielleicht das falsche Wort ist. Ihre eigentliche Spezialität bestand darin, Gegenstände von oben nach unten zu befördern. Es gab in den letzten Jahren vermutlich kaum etwas, das sie nicht mindestens einmal von einem Regal, Tisch oder Schrank geschoben hat.
Wir haben zusammen Abenteuer erlebt.
Wir waren im Urlaub in Bayern. Wir sind gemeinsam an der Leine spazieren gegangen. Und selbst die zwei Jahre, die ich in den USA verbracht habe, konnte ich mir nur mit ihr an meiner Seite vorstellen.
Sie war dabei.
Eigentlich war sie immer dabei.
Klösschen war nie die Katze, die jeden Tag stundenlang auf dem Schoß liegen wollte. Kuscheln gab es bei ihr wohl dosiert und ausschließlich zu ihren Bedingungen. Manchmal entschied sie sich dafür mitten in der Nacht.
Aber sie hatte etwas anderes.
Wenn es mir nicht gut ging, war sie da.
Nicht aufdringlich. Nicht fordernd. Sie legte sich einfach in meine Nähe. Lief mir hinterher. Suchte meine Gesellschaft. Als würde sie sagen: „Ich kann dein Problem nicht lösen. Aber du musst damit nicht allein sein.“
Und genau das machte sie so besonders.
Sie konnte mich gleichzeitig in den Wahnsinn treiben und mein Herz zum Schmelzen bringen. Vor allem mit ihrer unfassbaren Dekadenz beim Essen. Kaum hatte man das perfekte Futter gefunden, war es zwei Tage später offenbar unter ihrer Würde.
Und trotzdem liebte ich jede dieser Eigenheiten.
Vor allem liebte ich unsere Rituale.
Wenn ich unterwegs gewesen war, zeigte sie nie dieses beleidigte Verhalten, das viele Katzen haben. Sie kam nicht, um mir Vorwürfe zu machen. Sie kam, um mich zu begrüßen.
Fast jeden Tag stand sie an der Tür, sobald ich nach Hause kam.
Dann begann unser kleines Ritual.
Wir liefen gemeinsam in die Küche. Ich stellte meine Sachen ab. Sie sprang auf den Küchenschrank und wartete geduldig auf ihren Einsatz.
Dann nahm ich ihren kleinen Kopf in beide Hände, streichelte sie und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
So einfach war das.
Und so selbstverständlich.
Ein kleines Ritual, das sich über die Jahre nie verändert hat.
Eines dieser Dinge, von denen man erst merkt, wie wertvoll sie sind, wenn man plötzlich nicht mehr weiß, ob man sie jemals wieder erleben darf.
Wer mich kennt, weiß, wie gerne ich reise.
Eigentlich ist „gerne“ das falsche Wort. Ich brauche es. Neue Orte, neue Eindrücke, das Gefühl unterwegs zu sein – das gehört zu mir wie die Luft zum Atmen.
Für Klösschen hatte ich über die Jahre die besten Katzensitter, die wir uns hätten wünschen können. Menschen, denen ich vertraute und bei denen ich wusste, dass es ihr gut geht.
Und trotzdem.
Jedes Mal, wenn ich meinen Koffer packte und die Haustür hinter mir schloss, blieb dieses schlechte Gewissen.
Nicht, weil sie schlecht versorgt gewesen wäre. Sondern weil sie zu Hause war und ich nicht.
Also begannen wir irgendwann vorsichtig auszuprobieren, was für die Maus überhaupt möglich ist.
Wir tasteten uns langsam heran.
Der erste große Test war eine Reise über den Jahreswechsel nach Polen. Zehn Tage. Viele Stunden Autofahrt. Eine Situation, bei der ich mir vorher unzählige Gedanken gemacht hatte.
Ich hatte mir fest vorgenommen, jederzeit umzudrehen, falls ich merken würde, dass es für sie nicht funktioniert.
Aber es funktionierte.
Und wie.
Während ich mir Sorgen machte, spazierte Klösschen mit einer Selbstverständlichkeit durch das Auto, als hätte sie nie etwas anderes getan. Nach kurzer Zeit hatte sie beschlossen, dass alles in Ordnung war und ließ sich stundenlang von Margareta kraulen.
Als wären wir nicht hunderte Kilometer von zu Hause entfernt.
Als wären wir einfach dort, wo wir eben gerade waren.
Sie liebte das Ferienhaus.
Vor allem die Treppe.
Oft saß sie oben auf einer Stufe, beobachtete uns mit diesem typischen Blick, der irgendwo zwischen Neugier, Überlegenheit und leichter Verachtung lag, und verfolgte alles, was wir taten.
Manchmal spielte sie dort. Manchmal lag sie einfach da und schaute.
Als hätte sie beschlossen, dass dies nun für die nächsten zehn Tage ihr Reich sei.
Und genau das machte diese Reise so besonders.
Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass ich mich nicht zwischen meiner Reiselust und meiner Verantwortung entscheiden musste.
Dass beides möglich sein könnte.
Dass wir gemeinsam unterwegs sein konnten.
Und es war wunderbar.
Die letzten Wochen und Monate waren anstrengend.
Nicht die Art von Anstrengung, die nach einem guten Schlaf verschwindet. Sondern die Art, die sich langsam auf den Schultern ablegt und immer schwerer wird.
Und eigentlich war bereits klar, dass die kommenden Wochen mit Umzug und Co. nicht einfacher werden würden.
Als Margareta deshalb vorschlug, mit dem Camper für ein Wochenende loszufahren und Klösschen mitzunehmen, klang das nach genau dem, was wir brauchten.
Einfach mal raus.
Ein paar Tage durchatmen.
Ein wenig Abstand von all dem, was gerade Kraft kostet.
Eine kleine Pause. Und vor allem mit Kloesschen ohne schlechte Gewissen.
Dass daraus einer der schlimmsten Momente unseres Lebens werden würde, konnte niemand ahnen.
Die Fahrt verlief vollkommen entspannt. Klösschen lag auf der Rückbank und schlief die meiste Zeit. Wir waren unterwegs, die Sonne schien und alles fühlte sich leicht an.
Wir waren glücklich.
Am Abend standen wir auf einem Parkplatz. Margareta kochte. Klösschen trug ihr Geschirr und war an einer Leine gesichert, damit sie sich draußen etwas bewegen konnte.
Nichts Besonderes.
Nichts, worüber man sich Gedanken gemacht hätte.
Dann verhedderte sich die Leine um einen Autoreifen.
Ich schaute kurz weg.
Vielleicht für Sekunden.
Als ich wieder hinsah, lag nur noch das Geschirr dort.
Leer.
Ich begreife bis heute nicht, wie schnell dieser Moment passiert ist.
Irgendwie muss sie sich durch die gespannte Leine rückwärts aus dem Geschirr gewunden haben.
Wir sahen sie noch.
Erst unter dem Auto.
Dann auf dem Feld oberhalb des Parkplatzes.
Wir versuchten, zu ihr zu kommen.
Aber wer Klösschen kennt, weiß, dass sie sich in solchen Situationen nicht einfach hochnehmen lässt. Jeder Schritt auf sie zu wird zu einem Schritt von ihr weg.
Das hatte ich schon erlebt.
In den USA war sie mir zweimal ausgebüxt. Beide Male war die Panik groß. Beide Male kam sie zurück. Spätestens nach einem Tag.
Damals dachte ich noch, das würde immer so sein.
Doch diesmal ist es anders.
Und jedes Mal, wenn ich an diesen Moment zurückdenke, zerreißt es mich von innen.
Weil sich mein Leben in wenige Sekunden aufteilen lässt.
In ein Davor.
Und in alles, was danach kam.
Seit diesem Moment haben wir diesen Platz nicht mehr verlassen.
Wir haben uns abgewechselt und sind immer wieder mehrere Stunden hin- und hergefahren, damit Klösschen niemals hier in der Schweiz allein war.
Wir haben Suchplakate erstellt, verschiedene Institutionen kontaktiert, den Förster informiert, die Katzenhilfe eingeschaltet, die uns eine Lebendtierfalle zur Verfügung gestellt hat…
Wir hatten Hilfe von tollen Menschen die uns Suchanzeigen auf Schweizer Portalen erstellt haben, weil wir das nicht konnten.
Bauern und Anwohner wurden angesprochen.
Der gesamte Umkreis wurde systematisch abgesucht. Meter für Meter. Mehrfach.
Nichts.
Ich wollte es zunächst nicht online teilen. Aus der Gewissheit heraus, dass es nicht viel bringt, weil ich hier niemanden kenne. Und auch, weil ich dachte, ich würde die vielen Fragen nach ihr nicht aushalten.
Wir haben es trotzdem getan.
Und die Resonanz war groß. Viele haben es geteilt, viele haben geholfen.
Dafür bin ich dankbar.
Und auch für jede einzelne Nachricht, jede Nachfrage.
Ja, es ist jedes Mal ein kleiner Stich.
Aber gleichzeitig bedeutet es uns viel zu wissen, dass wir nicht allein sind mit dem Gedanken an diese kleine Maus.
Dieser Parkplatz ist wunderschön.
Mitten in den Bergen, ein kleiner Bach direkt daneben, ein Ort, den man eigentlich als idyllisch beschreiben würde.
Aber für mich ist er das nicht.
Für mich ist er ein schwarzes Loch, das eines der wichtigsten Lebewesen meines Lebens einfach verschluckt hat.
Ich fühle mich hier nicht wohl.
Ich hasse jeden Moment, den ich hier stehen muss. Und die Nächte machen mit Angst wenn ich hier allein stehen muss, mitten im Wald, nur ein wenig Mondlicht… Mit offenem Fenster damit man die Falle hören kann.
Und trotzdem blieben wir.
Weil Gehen bedeuten würde, nicht alles getan zu haben.
Aufzugeben.
Auch wenn Aufgeben manchmal keine echte Option ist, sondern eher ein Gedanke, der sich gegen den eigenen Willen einschleicht.
Ich kämpfe hier nicht nur um sie.
Ich kämpfe auch gegen meine eigenen Gefühle.
Gegen diesen Gedanken, der immer wieder sagt: Sie ist nicht mehr hier.
Ich spüre sie nicht.
Und genau dieser Gedanke macht alles noch schlimmer.
Er lässt Schuld entstehen, wo eigentlich nur Hilflosigkeit ist.
Und selbst diese Schuldgefühle machen mir wieder Schuldgefühle.
Bis zu dem Punkt, an dem ich mich dafür schäme, überhaupt so zu fühlen.
Heute wäre sie letzte Nacht gewesen, morgen hätte ich so oder so zurück müssen. Ausgerechnet heute war der Parkplatz übervoll. Genauso wie das Pfandfinderheim gegenüber, alles laut, viele Menschen, die kleine Maus wäre heute nacht auf keinen Fall gekommen.
Ich habe abgebrochen. Die Falle zurück gebracht und bin nach Hause gefahren. Weinend. Fluchend. Erschöpft. Tief verletzt.
Ich hätte so oder so zurück müssen wegen meinem Job.
Alles nur Ausreden?
Ich weiß, dass es das nicht ist. Und trotzdem fühlt es sich genau so an.
In den letzten Tagen hatten all die anderen Themen und Probleme keinen Platz mehr. Kein Umzug, keine Krankheit, nichts davon hat noch eine Rolle gespielt – selbst wenn es sich körperlich längst bemerkbar gemacht hat. Ich habe es ignoriert.
Alles unwichtig.
Und trotzdem muss man irgendwann zurück.
Irgendwann und irgendwie.
Und nun sitze ich in der leeren Wohnung ohne sie.
Die neue Wohnung sollte auch für sie sein. Ich hatte schon einen besonderen Platz für ihren Katzenbaum ausgesucht. Es sollte unser neues Zuhause werden.
Unser.
Und jetzt gehen einem tausend Dinge durch den Kopf.
Ist sie okay? Geht es ihr gut?
Ich weiß, wenn ich sicher wüsste, dass sie irgendwo ist, dass es ihr gut geht und sie einfach ein anderes Leben gewählt hat, würde es trotzdem wehtun. Aber es wäre ein Segen. Weil sie dann in Sicherheit wäre.
Vielleicht klammere ich mich genau deshalb so sehr an diesen Gedanken.
Weil alles andere mich zerreißen würde.
Ich glaube nicht, dass man so etwas einfach abschließen kann.
Irgendwann muss man einen Punkt setzen. In unserem Fall ist es der, an dem es beruflich und organisatorisch nicht mehr möglich ist, dass jemand von uns 24 Stunden am Tag in der Schweiz bleibt.
Und selbst das fühlt sich an wie eine Kapitulation.
Eine, die mir die Tränen in die Augen treibt.
Wenn das „echte Leben“, das mich ohnehin schon fest im Würgegriff hat im Moment, es zulässt, werde ich zurückkommen.
Auch wenn ich diesen Ort inzwischen kaum noch ertragen kann.
Bis dahin bleibt nur die Hoffnung, dass es der kleinen Maus gut geht. Dass sie irgendwo ist, wo sie leben kann.
Und es bleibt nur eines:
Danke.
Danke an dieses kleine Wesen, das mein Leben so sehr auf den Kopf gestellt hat, dass ich es mein Leben lang vermissen werde.
Ich werde dich niemals ersetzen. Nicht einmal versuchen.
Danke, kleine Maus.
Ich wünsche dir nur das Beste.
Ich liebe dich unsagbar.
Vielleicht wird der Blog für eine Weile pausieren.
Danke für euer Verständnis.