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Wort am Sonntag 09.08.2026

Wort am Sonntag – Ich weiß inzwischen, dass ich nicht daran sterbe

Oder: Warum Älterwerden manchmal verdammt schön ist

Hallo ihr Lieben,

ich habe mich kürzlich mit jemandem darüber unterhalten, wie man eigentlich mit schlechten Zeiten umgeht.

Und darüber, ob das Alter dabei einen Unterschied macht.

Ich musste danach noch eine ganze Weile darüber nachdenken.

Denn ich erinnere mich ziemlich gut daran, wie sich manche Dinge früher angefühlt haben.

Da kam eine Situation.

Irgendetwas ging schief.

Eine Beziehung zerbrach. Ein Mensch ging. Eine Hoffnung platzte. Das Leben nahm plötzlich eine Richtung, die man so nicht bestellt hatte.

Und ich dachte:

Das überlebe ich nicht.

Alles bricht zusammen.

Das war’s.

Ende.

Finito.

Vorbei.

Ja, ich weiß.

Klingt ziemlich theatralisch.

Aber ich war jung.

Da durfte das noch sein. 😉

Heute würde ich über manche dieser Situationen wahrscheinlich nur noch leicht schmunzeln.

Nicht, weil sie damals nicht schlimm gewesen wären.

Nicht, weil der Schmerz nicht echt gewesen wäre.

Und schon gar nicht, weil ich heute irgendwie aus Stahl bin.

Sondern weil ich inzwischen etwas weiß, das man meiner Meinung nach nur durch Leben lernen kann:

Man stirbt nicht an jeder Krise.

Und vielleicht ist genau das eines der schönsten Geschenke, die uns das Älterwerden macht.

Wir sammeln Erfahrungen.

Wir lernen.

Wir verlieren.

Wir gewinnen.

Wir lieben.

Wir werden enttäuscht.

Wir fallen hin.

Wir stehen wieder auf.

Und irgendwann passiert etwas ganz Merkwürdiges:

Wir erleben eine Situation, von der wir glauben, dass sie uns zerstören wird.

Und Jahre später sitzen wir irgendwo, trinken Kaffee und denken:

Ach. Das war auch eine Zeit.

Nicht mehr.

Nicht weniger.

Eine Zeit.

Schmerz darf sein. Aber er ist nicht mein Gott.

Ich habe einmal einen Satz gelesen, der mir sehr hängen geblieben ist:

„Das Wichtige ist zu erkennen, dass Schmerz manchmal notwendig ist. Das bedeutet aber nicht, dass man ihn anbeten muss.“

Mic drop.

Genau das.

Heute weiß ich in schwierigen Momenten:

Fuck. Das tut jetzt weh. Und das wird richtig weh tun. Aber ich werde danach nicht sterben.

Und wisst ihr was?

Das ist ein verdammt beruhigender Gedanke.

Denn „Nach jedem Regen kommt die Sonne“ klingt ja nun wirklich ein bisschen nach Wandtattoo im Wellnesshotel.

Vielleicht noch mit einem Sonnenuntergang und zwei Vögeln drauf.

Aber…

Ist da nicht trotzdem etwas dran?

Ich glaube inzwischen: ja.

Ich verfalle nicht mehr automatisch in Panik, wenn etwas auseinanderbricht.

Ich weiß, dass ich mir Zeit geben darf.

Vielleicht muss ich sogar ein bisschen leiden.

Nachfühlen.

Traurig sein.

Wütend sein.

Abschied nehmen.

Manchmal muss man einfach durch einen Schmerz hindurch.

Und das Schlimmste daran ist:

Man weiß vorher nicht, wie lange.

Man weiß nicht, wie viele Tage man jemanden vermissen wird.

Wie viele Nächte man schlecht schläft.

Wie oft man noch an etwas denken wird.

Wie lange es dauert, bis ein bestimmter Gedanke nicht mehr wehtut.

Und deshalb muss man es manchmal einfach aushalten.

Nicht für immer.

Nur für heute.

Und vielleicht morgen noch einmal.

Dagegen anzukämpfen bringt oft erstaunlich wenig.

Und jetzt kommt die lustige Stelle:

In den Momenten, in denen ich wirklich leide, will ich meine eigenen klugen Worte übrigens überhaupt nicht hören.

Dann will ich leiden.

Da möchte ich nicht, dass mir jemand erzählt:

„Aber Sandra, irgendwann scheint wieder die Sonne.“

Ich weiß!

Ich möchte es nur gerade nicht hören.

Ich möchte gerade im Regen sitzen.

Mit nassen Haaren.

Und dramatisch aus dem Fenster schauen.

Wenn schon Krise, dann bitte auch mit vernünftiger Dramaturgie.

Und auch das darf sein.

Vielleicht ist Erwachsenwerden nämlich gar nicht, dass wir weniger fühlen.

Vielleicht lernen wir nur, dass ein Gefühl nicht automatisch eine Tatsache ist.

Nur weil es sich gerade wie das Ende anfühlt, bedeutet das nicht, dass es das Ende ist.

Was bleibt, wenn Menschen gehen?

Trennungen sind nichts Schönes.

Sie hinterlassen Spuren.

Natürlich tun sie das.

Menschen, die uns wichtig waren, hinterlassen etwas in uns.

Manchmal wunderschöne Erinnerungen.

Manchmal Narben.

Manchmal beides.

Aber ich habe über die Jahre gelernt, dass es mir irgendwann gut tut, den Blick wieder auf das Positive zu richten.

Was nehme ich für mich mit?

Was war schön?

Was habe ich gelernt?

Was habe ich über mich selbst verstanden?

Was würde ich heute anders machen?

Was möchte ich nie wieder erleben?

Und was möchte ich unbedingt wieder erleben?

Ein Groll auf Dauer zieht unglaublich viel Energie.

Er hält einen an etwas fest, das längst vorbei ist.

Und meistens verändert er nichts.

Er macht die Vergangenheit nicht anders.

Er macht nur die Gegenwart schwerer.

Aber auch hier gilt:

Ich kann das heute so sehen.

Wenn ich gerade mitten im Schmerz stecke, funktioniert das nicht.

Dann brauche ich keine Lebensweisheit.

Dann brauche ich vielleicht einfach jemanden, der neben mir sitzt.

Oder Kaffee.

Oder beides.

Ich bin manchmal wie ein Hund

Eine weitere Erkenntnis über mich selbst möchte ich dabei nicht verschweigen.

Und ausdrücklich:

Das ist eine Erkenntnis über mich. Keine allgemeingültige Lebensweisheit.

Ich merke, dass ich manchmal sehr tief in Verbindungen gehe.

Egal, ob Freundschaft oder Beziehung.

Ich kann mich unglaublich stark auf einen Menschen einlassen.

So stark, dass ich mich manchmal selbst darin verliere.

Ich neige dazu, Dinge sehr zu wollen.

Menschen sehr zu wollen.

Und dabei manchmal meine eigenen Bedürfnisse aus den Augen zu verlieren.

Der Gedanke, einen Menschen zu verlieren, kann mir so viel Angst machen, dass plötzlich alles andere unwichtig wird.

Und manchmal frage ich mich:

Ist das eigentlich gut?

Muss ich daran arbeiten?

Wahrscheinlich ein bisschen.

Aber ich habe auch gelernt, mich dafür nicht ständig zu verurteilen.

Denn ich bin in dieser Hinsicht manchmal ein bisschen wie ein Hund.

Und nein.

Das ist überhaupt nicht erbärmlich gemeint.

Hunde sind großartige Tiere.

Sie sind absolute Beziehungstiere.

Egal, ob Schmusehund, Wachhund oder völlig bekloppter Vierbeiner, der minutenlang seinem eigenen Schwanz hinterherjagt – sie hängen an ihren Menschen.

Sie bleiben.

Sie sind loyal.

Und wenn man einem Hund immer wieder auf die Schnauze haut, wird er sich nicht unbedingt beim ersten Mal umdrehen und sagen:

„Also Entschuldigung, diese Geschäftsbeziehung ist hiermit beendet.“

Nein.

Er bleibt.

Er versucht es weiter.

Vielleicht beim ersten Mal.

Beim zweiten.

Beim dritten.

Und irgendwann kommt dieser berühmte letzte Tropfen.

Dieser eine letzte Schlag auf die Schnauze.

Und dann wendet er sich ab.

Und zwar ziemlich endgültig.

Vielleicht bin ich ein bisschen so.

Ich halte lange fest.

Ich gebe Chancen.

Ich versuche zu verstehen.

Ich suche Erklärungen.

Ich hoffe.

Bis irgendwann dieser Punkt erreicht ist.

Und dann bin ich raus.

Manchmal frage ich mich, ob das gut ist.

Aber ich weiß auch:

Für mich kann genau das unglaublich heilsam sein.

Denn wenn dieser letzte Punkt erreicht ist, verliert plötzlich alles, was mich vorher festgehalten hat, seine Macht.

Die Angst vor dem Verlust ist weg.

Das Festhalten ist weg.

Die Hoffnung ist weg.

Und ich kann gehen.

Vielleicht ist das nicht immer die gesündeste Art.

Vielleicht darf ich daran noch arbeiten.

Aber eines weiß ich:

Ich kann gehen.

Und manchmal ist genau das die Rettung.

Denn vielleicht ist eine der schwierigsten Lektionen im Leben nicht, jemanden festzuhalten.

Sondern zu erkennen, wann Festhalten bedeutet, sich selbst loszulassen.

 

Und dann gibt es diese Tage

Und jetzt kommen wir zu etwas viel Schönerem.

Denn eigentlich wollte ich heute gar nicht so schwer werden.

Im Gegenteil.

Mir geht es gerade sehr, sehr gut.

Ich hatte eine richtig gute Woche.

Auf der Arbeit.

Privat.

Und gestern hatte ich einen dieser Tage, die nicht spektakulär sein müssen, um wunderschön zu sein.

Schon der Morgen war großartig.

Ich war noch einmal beim Optiker, nachdem ich mit meiner Gleitsichtbrille wirklich gestruggelt habe.

Und irgendwann habe ich mich tatsächlich gefragt:

Bin vielleicht einfach ich das Problem?

Stellt sich heraus:

Nein.

Bei der Untersuchung wurde eine Phorie festgestellt.

Und bevor jetzt jemand denkt:

„Ja super Sandra, und was ist das nun wieder?“

Ich wusste es vorher ehrlich gesagt auch nicht genau. 😄

Ganz vereinfacht gesagt bedeutet eine Phorie, dass die beiden Augen nicht ganz selbstverständlich exakt in derselben Position zusammenarbeiten.

Unser Gehirn kann diese kleine Abweichung normalerweise ausgleichen.

Wir sehen trotzdem ein gemeinsames Bild.

Das Gehirn macht also im Hintergrund permanent ein bisschen:

„Komm, Augen. Wir kriegen das schon hin.“

Nur kann dieses Ausgleichen anstrengend werden.

Und wenn es nicht mehr problemlos funktioniert, können unter anderem Doppelbilder, Schwierigkeiten beim Fokussieren, verschwommenes Sehen oder schnell ermüdende Augen entstehen.

Und plötzlich ergab für mich einiges Sinn.

Denn ich habe bereits seit längerer Zeit Probleme mit Doppelbildern und meinem Sehen.

Eigentlich schon das ganze Jahr.

Und vermutlich sogar noch länger.

Ich war in der Augenklinik.

Ich war inzwischen bei vier Augenärzten.

Und immer wieder hieß es:

Alles in Ordnung.

Und wenn man selbst ganz genau spürt, dass etwas nicht stimmt, macht einen das irgendwann wahnsinnig.

Denn irgendwann beginnt man tatsächlich, an sich selbst zu zweifeln.

Vielleicht bilde ich mir das ein.

Vielleicht übertreibe ich.

Vielleicht bin ich einfach empfindlich.

Und dann kommt irgendwann der Punkt, an dem man sich selbst am liebsten anschaut und sagt:

„Hallo? Ich sehe doch Doppelbilder. Ich habe mir das nicht ausgedacht!“

Deshalb möchte ich heute einmal ganz ausdrücklich DANKE sagen.

An dieses Team.

Und ganz besonders an die beiden Optikerinnen, die mich so wunderbar untersucht und beraten haben.

Denn natürlich ist es großartig, wenn es vielleicht eine Lösung gibt.

Aber noch viel wichtiger war etwas anderes:

Ich habe mich ernst genommen gefühlt.

Und manchmal bedeutet genau das die Welt.

Zu wissen, dass man sich seine Probleme nicht einbildet.

Dass das, was man wahrnimmt, tatsächlich da ist.

Und dass es vielleicht sogar eine Möglichkeit gibt, etwas dagegen zu tun.

Allein das hat meinen Morgen schon traumhaft gemacht.

Manchmal ist der Weg das Ziel. Und manchmal einfach nur schön.

Die Fahrt nach Günzburg und zurück über Land.

Und ich fahre unglaublich gerne Landstraße.

Wann immer ich Zeit habe, nehme ich lieber die gemütliche Strecke.

Ich mag es, wenn man nicht ständig irgendwo ankommen muss.

Die verschiedenen Wege nach Günzburg sind an einem schönen Sommermorgen einfach wunderschön.

Sommer.

Gute Musik.

Die Landschaft.

Ein bisschen vor sich hinfahren.

Und plötzlich merkt man:

Ich bin gerade einfach glücklich.

Nicht euphorisch.

Nicht spektakulär.

Einfach glücklich.

Am Nachmittag habe ich mich mit tollen Freunden zum Essen getroffen.

Wir haben geredet.

Gelacht.

Gegessen.

Zeit miteinander verbracht.

Und irgendwann dachte ich:

Das Leben kann so einfach sein.

Und gleichzeitig so schön.

Heute

Auch heute ist ein guter Tag.

Ich bin zugegebenermaßen nach ziemlich wenig Schlaf sehr früh wach geworden.

Aber was soll’s.

Kaffee auf dem Balkon.

Ruhe.

Blog schreiben.

Später möchte ich einiges am Hochbeet neu bepflanzen.

Heute Abend geht es an den See.

Und ganz ehrlich:

Geht’s schöner?

Im Moment genieße ich genau das.

Dass die negativen Gedanken weg sind.

Dass es mir gut geht.

Dass ich wieder befreit lächeln kann.

Dass ich wieder bei mir bin.

Bei meinen Gedanken.

Und auch bei meinen Gefühlen.

Ich kann sie fühlen, ohne dass da durchgehend nur Schmerz ist.

Und das ist großartig.

Vielleicht ist das überhaupt eine der schönsten Erkenntnisse, die das Leben einem schenken kann:

Man muss nicht aufhören zu fühlen, um weniger zu leiden.

Man muss nur irgendwann verstehen, dass beides nebeneinander existieren darf.

Traurigkeit und Hoffnung.

Schmerz und Freude.

Angst und Mut.

Abschied und Dankbarkeit.

Man kann jemanden vermissen und trotzdem weiterleben. Und es macht mich auch nicht zum Unmenschen, wenn ich aufhöre zu vermissen.

Man kann etwas verlieren und trotzdem wieder glücklich werden.

Man kann verletzt worden sein und trotzdem wieder vertrauen.

Und man kann eine Krise erleben, bei der man glaubt:

Das überlebe ich nicht.

Und Jahre später sitzt man auf seinem Balkon, trinkt Kaffee, schreibt einen Blog, denkt über sein Hochbeet nach und plant den Abend am See.

Und dann stellt man fest:

Doch.

Ich habe es überlebt.

Nicht nur das.

Ich bin noch hier.

Ich fühle.

Ich liebe.

Ich lache.

Ich fahre Landstraße und höre Musik.

Ich treffe Freunde zum Essen.

Ich pflanze Gemüse.

Ich sitze am See.

Ich schreibe.

Ich bin bei mir.

Und vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen jung sein und älter werden.

Nicht, dass wir irgendwann keine Angst mehr haben.

Nicht, dass wir weniger tief fühlen.

Nicht, dass uns nichts mehr weh tut.

Sondern dass wir irgendwann wissen:

Auch das geht vorbei.

Nicht sofort.

Nicht auf Kommando.

Nicht weil irgendein Kalenderblatt umspringt.

Aber irgendwann.

Und vielleicht muss man gar nicht lernen, wie man den Regen verhindert.

Vielleicht muss man nur lernen, im Regen stehen zu können, ohne zu glauben, dass man für immer nass bleiben wird.

Denn irgendwann kommt die Sonne.

Und manchmal sitzt man dann einfach da.

Mit einem Kaffee.

Mit Menschen, die einem guttun.

Mit einem Hochbeet, das dringend Aufmerksamkeit braucht.

Mit Musik im Auto.

Mit dem See am Abend.

Und mit diesem unglaublich schönen Gefühl:

Ich bin wieder bei mir.

Und fuck…

Das Leben ist gerade ziemlich schön.

Habt einen wunderschönen Sonntag. ❤️

Eure Sandra

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4 Comments
Michi
Michi
11 Stunden vor

Und die Welt ist schön….weil du mit drauf bist …. wir freuen uns, wenn wir mit dir mal den See begutachten können ….

Sandra
Sandra
Antwort auf  Michi
11 Stunden vor

Kommt gern jederzeit mal rum. Im Moment ärgert mich das Wetter im am Abend, aber das wird schon noch. 😘

Bettina
Bettina
10 Stunden vor

Mal wieder wunderbare Worte, ich fühle es absolut. Etwas mehr Gelassenheit im Umgang mit den großen und kleinen Krisen, Problemen und Problemchen, ich erkenne eine gewisse Souveränität die mich zufriedener macht auch mitten drin in den Hochs und Tiefs im Leben. Ich nenne es „meine Altersweisheit“. Hin und wieder verschafft mir das Bewusstsein dafür kleine Glücksmomente im Prozess des Älterwerden. Für die weiteren Aspekte dieses Prozesses suche ich noch Wege 😉

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