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Wort am Sonntag 16.08.2026

Die Menschen, die bis zur Endhaltestelle bleiben

Es gibt Menschen, die kommen in unser Leben und bleiben.

Und dann gibt es Menschen, die kommen, hinterlassen ein paar Spuren, vielleicht sogar ziemlich tiefe – und irgendwann sind sie wieder weg.

Manche verschwinden leise.
Andere mit einem großen Knall.
Manche, weil das Leben sie in eine andere Richtung trägt.
Und bei manchen merken wir erst viel später, dass wir sie eigentlich schon längst verloren hatten.

Ich glaube, Freundschaften sind eines der spannendsten Kapitel unseres Lebens. Vielleicht gerade deshalb, weil wir sie uns nicht aussuchen können wie ein Möbelstück, das wir ins Wohnzimmer stellen. Sie entstehen. Manchmal völlig zufällig. Manchmal aus einer gemeinsamen Zeit. Aus einem gemeinsamen Interesse. Aus einem gemeinsamen Lachen. Aus einem Konzert, einer Reise, einem Arbeitsplatz, einem Projekt – oder aus diesem einen Gespräch, bei dem man irgendwann feststellt: Mit dir kann ich irgendwie sein.

Und dann gibt es diese Menschen, bei denen aus „irgendwie“ irgendwann „für immer“ wird.

Das Leben ist wie ein Zug

Ich habe irgendwann angefangen, mir das Leben wie eine Zugfahrt vorzustellen.

Wir steigen irgendwann ein. Mit unserem eigenen kleinen Koffer voller Erinnerungen, Erfahrungen, Verletzungen, Hoffnungen und all dem Zeug, das man eben so mit sich herumschleppt.

Und dann fährt der Zug los.

An jeder Station steigen Menschen ein.

Manche sitzen nur eine kurze Strecke neben uns. Man unterhält sich, lacht vielleicht zusammen, erlebt etwas Schönes – und irgendwann kommt ihre Station. Sie steigen aus.

Andere fahren ein paar Jahre mit.

Manche fahren zehn Jahre mit.

Und dann gibt es diese ganz besonderen Menschen, die irgendwann nicht mehr einfach nur Mitreisende sind. Sie gehören zum Zug. Zum eigenen Leben. Man kennt ihre Macken. Sie kennen die eigenen. Man muss nicht mehr erklären, warum man gerade still ist. Man weiß, wann ein „Mir geht’s gut“ eigentlich bedeutet: Mir geht’s überhaupt nicht gut.

Und manchmal – wenn man ganz großes Glück hat – sitzen diese Menschen irgendwann tatsächlich noch neben einem, wenn der Zug an der Endhaltestelle ankommt.

Und jetzt musste ich bei einem Gedanken tatsächlich selbst schmunzeln:

Manche Menschen verpassen den Zug einfach.

Vielleicht standen sie am falschen Gleis. Vielleicht waren sie noch damit beschäftigt, ihr Ticket zu suchen. Vielleicht wollten sie eigentlich mitfahren, haben sich aber nie getraut einzusteigen.

Und manchmal ist das einfach so.

Nicht jeder Mensch, der nicht mitkommt, ist deshalb ein schlechter Mensch.

Und nicht jede Freundschaft, die endet, ist gescheitert.

Als ich in die USA ging

Als ich vor vielen Jahren für zwei Jahre in die USA gegangen bin, war mir schon vorher klar, dass diese Reise eine Art natürliche Auslese mit sich bringen würde.

Zwei Jahre sind lang.

Lang genug, dass sich Leben verändern. Menschen heiraten. Beziehungen entstehen oder zerbrechen. Kinder werden geboren. Jobs wechseln. Wohnungen wechseln. Freundeskreise verändern sich.

Und natürlich wusste ich damals: Wenn ich zurückkomme, werden nicht alle Menschen noch da sein.

Aus den Augen, aus dem Sinn.

Und ehrlich gesagt finde ich das gar nicht schlimm.

Nicht jede Verbindung muss ein Leben lang halten, um wertvoll gewesen zu sein.

Manche Menschen gehören zu einem bestimmten Kapitel. Und vielleicht wäre es sogar falsch, sie zwanghaft in ein späteres Kapitel mitzunehmen, obwohl ihre Geschichte dort eigentlich schon zu Ende erzählt ist.

Aber diese Zeit hat mir etwas gezeigt.

Nämlich den Unterschied zwischen Menschen, die man kennt – und Menschen, die einen kennen.

Früher kannte ich viele. Heute kenne ich weniger.

Ich glaube nicht einmal, dass mein Freundeskreis früher unbedingt größer war.

Aber mein soziales Umfeld war größer.

Ich war durch meine Arbeit für Vitam Amans, durch Konzerte, Fotografie, den CSD und all die Dinge, die ich gemacht habe, unglaublich viel unter Menschen. Ich kannte viele. Man kannte mich. Man traf sich, redete, lachte, tauschte sich aus.

Und das war schön.

Aber irgendwann merkt man, dass „viele Menschen kennen“ und „viele Menschen haben“ zwei völlig unterschiedliche Dinge sind.

Denn auf wie viele Menschen kann man wirklich bauen?

Wen würde man um drei Uhr morgens anrufen?

Wem könnte man sagen: „Ich kann gerade nicht mehr“, ohne Angst zu haben, dass es zu viel ist?

Bei wem kann man völlig ungeschminkt auftauchen – nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich?

Wer bleibt, wenn man gerade nicht lustig, unkompliziert, stark oder gut gelaunt ist?

Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem aus Bekanntschaft Freundschaft wird.

Und aus Freundschaft Familie.

„Nach sieben Jahren ist es keine Freundschaft mehr. Es ist Familie.“

Meine beste Freundin hat vor ein paar Jahren einmal etwas zu mir gesagt.

Sie meinte:

„Nach sieben Jahren ist es keine Freundschaft mehr. Dann ist es Familie.“

Sie selbst hat eine sehr große Familie.

Vielleicht war ihr in diesem Moment gar nicht bewusst, was dieser Satz für mich bedeutet hat.

Aber ich habe ihn behalten.

Bis heute.

Denn abgesehen von meinem Bruder und meiner Oma sind meine Freunde meine Familie.

Nicht im biologischen Sinn.

Aber im viel wichtigeren.

Sie sind die Menschen, die ich mir nicht aussuchen musste – und die ich trotzdem immer wieder auswählen würde.

Menschen, bei denen ich nicht das Gefühl habe, eine Rolle spielen zu müssen.

Menschen, mit denen ich schweigen kann, ohne dass es unangenehm wird.

Menschen, mit denen ich lachen kann, bis mir der Bauch wehtut.

Menschen, die meine Geschichte kennen und trotzdem noch da sind.

Und vielleicht sogar gerade deshalb.

Dieses Jahr hat mir das besonders deutlich gezeigt

Gerade dieses Jahr habe ich gemerkt, wie unglaublich wertvoll solche Menschen sind.

Es gibt Zeiten im Leben, in denen man nicht unbedingt große Reden braucht.

Man braucht jemanden, der einfach da ist.

Eine Nachricht.

Einen Anruf.

Ein „Wie geht’s dir wirklich?“

Ein „Komm, wir machen jetzt einfach einen Kaffee.“

Oder manchmal auch gar nichts.

Nur die Gewissheit:

Da ist jemand.

Ich glaube, wir unterschätzen oft, wie viel Sicherheit in diesem Wissen steckt.

Nicht die Sicherheit, dass jemand jedes Problem für uns lösen kann.

Sondern die Sicherheit, dass wir ein Problem nicht alleine tragen müssen.

Und vielleicht ist genau das Freundschaft.

Nicht immer die richtigen Worte zu finden.

Sondern trotzdem zu bleiben.

Ich habe heute weniger Menschen. Aber die richtigen.

Mein Freundeskreis ist heute klein.

Sehr klein.

Aber ich liebe jede einzelne dieser wenigen Personen.

Nicht, weil es so wenige sind.

Sondern weil es die richtigen sind.

Ich weiß, dass ich mich auf sie verlassen kann.

Ich weiß, dass sie für mich da wären, so wie ich für sie da wäre.

Ich verbringe gerne Zeit mit ihnen.

Ich fühle mich wohl.

Ich muss mich nicht verstellen.

Ich kann sein, wie ich bin.

Mit meinen guten Seiten.

Mit meinen schlechten.

Mit meinen Gedanken, die manchmal kreuz und quer laufen.

Mit meiner Lautstärke und meiner Stille.

Mit meiner Verletzlichkeit.

Mit meinem Humor.

Mit meinen Macken.

Und vor allem: ohne ständig darüber nachdenken zu müssen, ob ich gerade „richtig“ bin.

Was für ein unglaubliches Geschenk ist das eigentlich?

Einen Menschen zu haben, bei dem man nicht überlegen muss, welche Version von sich selbst gerade akzeptabel ist.

Man darf einfach sein.

Vielleicht ist Erwachsenwerden genau das

Vielleicht bedeutet Erwachsenwerden irgendwann auch, dass man aufhört, Freundschaften nach ihrer Anzahl zu beurteilen.

Früher denkt man vielleicht:

Ich kenne so viele Menschen.

Später fragt man:

Wie viele davon kennen wirklich mich?

Und irgendwann wird aus dieser Frage eine andere:

Bei wem kann ich mich darauf verlassen, dass er bleibt?

Nicht unbedingt für immer.

Das kann niemand versprechen.

Aber für die Strecke, die wir gemeinsam fahren.

Für die nächste Station.

Für die nächste Kurve.

Für die schwierige Zeit.

Für die guten Tage.

Für die Tage, an denen wir uns selbst kaum aushalten.

Für die Tage, an denen wir zusammen feiern.

Für die Tage, an denen wir einfach nur nebeneinandersitzen.

Vielleicht müssen Menschen gar nicht bis zur Endhaltestelle mitfahren.

Vielleicht reicht es manchmal, wenn sie uns ein Stück begleiten und dafür sorgen, dass die Strecke schöner wird.

Und vielleicht dürfen wir irgendwann auch dankbar sein, wenn jemand aussteigt.

Nicht jede Trennung ist ein Verlust.

Manche ist einfach nur das Ende einer gemeinsamen Strecke.

Und dann gibt es diese ganz besonderen Menschen

Die, bei denen wir irgendwann aufhören, darüber nachzudenken, wie lange sie schon da sind.

Weil sie einfach dazugehören.

Sie sind in Erinnerungen eingebaut.

In Geschichten.

In Fotos.

In Insider-Witzen.

In Urlauben.

In schlechten Zeiten.

In Momenten, von denen niemand sonst weiß, wie wichtig sie waren.

Sie haben uns wachsen sehen.

Sie haben erlebt, wie wir uns verändert haben.

Und vielleicht haben sie sogar Versionen von uns kennengelernt, die wir selbst heute kaum noch wiedererkennen.

Und trotzdem sitzen sie noch da.

Neben uns.

Im selben Zug.

Vielleicht etwas älter geworden.

Vielleicht mit ein paar neuen Macken.

Vielleicht mit eigenen Narben.

Aber da.

Und manchmal denke ich, dass genau das eines der größten Geschenke ist, die das Leben machen kann.

Nicht jemand, der verspricht, niemals zu gehen.

Sondern jemand, der immer wieder einen Grund findet, noch eine Station mitzufahren.

Vielleicht sollten wir unseren Menschen öfter sagen, was sie uns bedeuten

Denn wir gehen so selbstverständlich davon aus, dass die Menschen wissen, wie wichtig sie uns sind.

Tun sie das wirklich?

Wissen unsere Freunde, wie sehr wir ihre Nachrichten brauchen?

Wissen sie, dass wir uns sicher fühlen, weil wir wissen, dass sie da sind?

Wissen sie, dass ein gemeinsamer Kaffee manchmal mehr bedeutet als jedes große Geschenk?

Wissen sie, dass wir dankbar sind für all die Jahre?

Für all die Gespräche?

Für jedes „Ich bin da“?

Für jedes gemeinsame Lachen?

Für jedes Auffangen?

Vielleicht sollten wir es ihnen öfter sagen.

Nicht erst dann, wenn etwas passiert.

Nicht erst dann, wenn jemand aus unserem Zug aussteigt.

Sondern jetzt.

Solange wir noch gemeinsam fahren.

Und vielleicht ist das meine wichtigste Erkenntnis

Ich brauche keine große Zahl an Menschen um mich herum.

Ich brauche keine hundert Kontakte.

Keine endlose Liste von Namen.

Keine Menschen, die mich nur aus irgendeinem Kapitel meines Lebens kennen.

Ich brauche Menschen, bei denen ich mich zuhause fühle.

Menschen, bei denen ich nicht erklären muss, wer ich bin.

Menschen, die mich sehen.

Wirklich sehen.

Und die trotzdem bleiben.

Vielleicht ist das die schönste Form von Familie, die es gibt:

Menschen, die nicht bleiben müssen.

Aber bleiben wollen.

Menschen, die jederzeit aussteigen könnten – und trotzdem noch eine Station mitfahren.

Und wenn ich irgendwann einmal zurückblicke, dann möchte ich nicht zählen, wie viele Menschen in meinem Leben waren.

Ich möchte mich daran erinnern, wer geblieben ist.

Wer neben mir saß.

Wer mit mir gelacht und geweint hat.

Wer mich getragen hat, wenn ich selbst nicht konnte.

Und wen ich tragen durfte, wenn es umgekehrt war.

Denn am Ende braucht man nicht viele Freunde.

Man braucht die richtigen.

Und wenn man die gefunden hat, dann ist man verdammt reich.

Vielleicht sogar reicher, als man manchmal selbst begreift.

Denn während unser Zug weiterfährt und draußen die Landschaft unseres Lebens vorbeizieht, gibt es nichts Schöneres, als irgendwann zur Seite zu schauen und festzustellen:

Da sitzt noch jemand.

Und dieser Mensch war schon vor vielen Stationen da.

Und er ist immer noch da.

Familie eben.

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2 Comments
Vio
Vio
5 Stunden vor

Vielen lieben dank für diesen tollen Blog.
Danke das es dich gibt!

Sandra
Sandra
Antwort auf  Vio
5 Stunden vor

Ich danke dir, dass du in meinem Zug sitzt… 😘

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