Wort am Sonntag
Die Bank unter der Kastanie
Jeden Donnerstag, ziemlich genau um zehn Uhr, saß eine ältere Dame auf der dritten Parkbank hinter dem kleinen Stadtbrunnen.
Nicht auf der ersten. Dort war es ihr zu laut. Nicht auf der zweiten. Dort schien ihr die Sonne direkt ins Gesicht. Die dritte war perfekt. Ein bisschen Schatten, ein bisschen Sonne und ein guter Blick auf die Menschen, die vorbeigingen.
Sie hieß Elisabeth, war 82 Jahre alt und besaß eine erstaunlich große Sammlung von Stofftaschentüchern. Außerdem war sie der festen Überzeugung, dass Kaffee aus Pappbechern eine Beleidigung für die Menschheit darstellte.
An diesem Donnerstag im Oktober war es kühl. Die Kastanie über ihrer Bank verlor bereits ihre Blätter, und Elisabeth hatte ihren roten Schal zweimal um den Hals gewickelt.
Sie saß da und beobachtete das Leben.
Wie jeden Donnerstag.
Darf ich mich setzen?
„Ist hier noch frei?“
Elisabeth blickte auf.
Vor ihr stand ein Mann, vielleicht Mitte vierzig, mit einer zerzausten Frisur, einer Aktentasche und einem Kaffeebecher aus Pappe.
Sie musterte zuerst den Becher.
„Solange Sie mir nicht erzählen, dass das darin Kaffee sein soll.“
Der Mann sah auf seinen Becher, dann auf sie.
„Ich fürchte, genau das wollte ich behaupten.“
„Dann setzen Sie sich lieber. Vielleicht kann ich Sie noch retten.“
Er lachte.
Und setzte sich.
Sie sprachen über das Wetter. Über die Kastanie. Über einen kleinen Hund, der verzweifelt versuchte, ein Stöckchen durch eine viel zu schmale Lücke im Zaun zu tragen.
Fünf Minuten später sah der Mann auf seine Uhr.
„Ich muss weiter.“
„Das müssen wir wohl alle irgendwann“, antwortete Elisabeth.
Er lächelte, stand auf und verabschiedete sich.
Sie sah ihm nach.
Dann zog sie ihren Schal etwas enger und lächelte ebenfalls.
Fünf Minuten werden zur Gewohnheit
Am nächsten Donnerstag kam er wieder.
Diesmal ohne Kaffeebecher.
„Sie haben mich überzeugt“, sagte er und hielt eine kleine Thermoskanne hoch.
„Es besteht also noch Hoffnung für Ihre Generation.“
Er hieß Paul. Er arbeitete in einem Büro in der Nähe und hatte donnerstags um zehn eine kurze Pause.
Elisabeth erzählte ihm, dass sie früher in einer Buchhandlung gearbeitet hatte.
„Vierzig Jahre zwischen Büchern. Und wissen Sie, was ich gelernt habe?“
Paul schüttelte den Kopf.
„Dass die meisten Menschen nur die letzte Seite lesen wollen. Dabei steht das Beste oft irgendwo mittendrin.“
Paul dachte darüber nach.
„Vielleicht sollte ich wieder mehr lesen.“
„Vielleicht sollten Sie erst einmal lernen, Ihren Kaffee zu genießen.“
Sie lachten.
Wieder vergingen fünf Minuten.
Aus einem Donnerstag wurden zwei. Aus zwei wurden sechs. Irgendwann wusste Paul, dass Elisabeth ihren Tee ohne Zucker trank, drei Enkel hatte und früher mit ihrem Mann regelmäßig an die Ostsee gefahren war.
Elisabeth wusste, dass Paul geschieden war, eine zwölfjährige Tochter hatte und viel zu oft das Gefühl, nirgendwo richtig anzukommen.
Sie sprachen nicht immer über wichtige Dinge.
Manchmal schwiegen sie auch.
Aber es war ein angenehmes Schweigen.
Eines, bei dem niemand das Gefühl hatte, etwas sagen zu müssen.
Ein Donnerstag ohne Elisabeth
An einem Donnerstag im November war die Bank leer.
Paul blieb stehen.
Er wartete fünf Minuten. Dann zehn.
Vielleicht war sie krank. Vielleicht war es ihr zu kalt. Vielleicht hatte sie einfach keine Lust, bei diesem Wetter auf einer Parkbank zu sitzen.
Er ging zurück ins Büro.
Aber er dachte noch mehrmals an sie.
Am nächsten Donnerstag war die Bank wieder leer.
Und am übernächsten auch.
Paul ertappte sich dabei, wie er sich Sorgen um eine Frau machte, deren Nachnamen er nicht einmal kannte.
Es war ein seltsames Gefühl.
Man konnte jemanden offenbar vermissen, ohne besonders viel über ihn zu wissen.
Ein Brief auf der Bank
Am vierten Donnerstag lag ein Umschlag auf der Bank.
Darauf stand in sorgfältiger Handschrift:
Für den Herrn mit dem schlechten Kaffee.
Paul setzte sich.
Er öffnete den Brief.
„Lieber Paul,
ich hoffe, Sie haben inzwischen gelernt, dass guter Kaffee nicht aus einem Pappbecher kommt.
Ich musste eine Weile ins Krankenhaus. Nichts, worüber Sie sich allzu große Sorgen machen müssen. In meinem Alter wird man gelegentlich zur Inspektion gebeten. Wie ein altes Auto, nur dass die Ersatzteile schwieriger zu bekommen sind.
Meine Enkelin wird diesen Brief auf die Bank legen.
Ich möchte Ihnen etwas erzählen, das ich bei unseren Gesprächen nie erwähnt habe.
Mein Mann ist vor drei Jahren gestorben.
Wir waren 56 Jahre verheiratet. Jeden Donnerstag gingen wir gemeinsam in die Stadt. Wir kauften ein, tranken einen Kaffee und setzten uns anschließend auf diese Bank.
Immer auf die dritte.
Als er nicht mehr da war, bin ich trotzdem weitergegangen.
Anfangs, weil ich nicht wusste, wohin sonst mit mir.
Später, weil ich hoffte, dass sich die Erinnerungen irgendwann weniger traurig anfühlen würden.
An dem Donnerstag, als Sie mich zum ersten Mal gefragt haben, ob Sie sich setzen dürfen, hatte ich gerade beschlossen, nicht mehr herzukommen.
Es tat einfach zu weh.
Und dann kamen Sie.
Mit diesem fürchterlichen Kaffee.
Sie haben mich zum Lachen gebracht. Nicht aus Höflichkeit. Nicht, weil Sie wussten, dass ich traurig war.
Sie haben einfach mit mir geredet.
Fünf Minuten lang war ich nicht die alte Frau, deren Mann gestorben war.
Ich war einfach Elisabeth.
Eine Frau auf einer Parkbank, die einem fremden Mann erklären durfte, was guter Kaffee ist.
Sie können sich nicht vorstellen, wie gut mir das getan hat.
Ich wollte Ihnen deshalb etwas sagen:
Unterschätzen Sie niemals fünf Minuten.
Sie haben mir nicht mein altes Leben zurückgegeben.
Aber Sie haben mir geholfen, wieder Freude am neuen zu finden.
Und falls Sie nächsten Donnerstag Zeit haben: Bringen Sie zwei Tassen mit. Ich habe vor, wieder auf meiner Bank zu sitzen.
Herzlich,
Elisabeth
P. S.: Sie dürfen auch zehn Minuten bleiben. Aber nur, wenn Sie endlich vernünftigen Kaffee mitbringen.“
Paul las den Brief zweimal.
Dann faltete er ihn sorgfältig zusammen.
Er saß noch eine ganze Weile auf der Bank.
Und dachte darüber nach, wie oft er in seinem Leben an Menschen vorbeigegangen war, ohne sie wirklich zu sehen.

Zwei Tassen und eine neue Gewohnheit
Am nächsten Donnerstag war Elisabeth wieder da.
Etwas blasser als zuvor, aber mit ihrem roten Schal und diesem Blick, der keinen Widerspruch duldete.
Paul brachte zwei richtige Porzellantassen mit.
Und eine Thermoskanne mit frisch gebrühtem Kaffee.
Elisabeth nahm einen Schluck.
Schloss die Augen.
Und nickte anerkennend.
„Na also. Es geht doch.“
Paul lachte.
Dann erzählte er ihr etwas, das er schon lange vor sich hergeschoben hatte.
Er hatte seine Tochter angerufen und gefragt, ob sie am Wochenende mit ihm frühstücken wollte. Ohne Handy, ohne Zeitdruck, ohne anschließend noch schnell etwas erledigen zu müssen.
Sie hatte sofort Ja gesagt.
„Wissen Sie“, meinte er, „ich glaube, ich habe in letzter Zeit viel zu oft gedacht, dass ich erst Zeit haben muss, bevor ich mir Zeit nehmen kann.“
Elisabeth stellte ihre Tasse ab.
„Das ist ein ziemlich verbreiteter Irrtum.“
Sie saßen noch eine Weile nebeneinander.
Die Kastanie hatte inzwischen fast alle Blätter verloren.
Ein kleiner Hund schleppte einen viel zu großen Stock über den Weg.
Und irgendwo schlug eine Kirchturmuhr halb elf.
Paul erschrak.
„Oh Gott. Ich bin schon eine halbe Stunde hier!“
Elisabeth sah ihn an.
„Und? Ist die Welt untergegangen?“
„Noch nicht.“
„Na sehen Sie.“
Was von fünf Minuten bleibt
Ich mag solche Geschichten.
Vielleicht gerade deshalb, weil sie keine Helden brauchen. Keine großen Gesten. Keine spektakulären Wendungen.
Nur zwei Menschen, eine Parkbank und ein bisschen Zeit.
Wir glauben so oft, dass wir etwas Großes leisten müssen, um im Leben eines anderen Menschen einen Unterschied zu machen.
Dass wir die richtigen Worte finden müssen. Eine Lösung anbieten. Etwas reparieren, das kaputtgegangen ist.
Dabei brauchen Menschen manchmal gar keine Lösung.
Manchmal brauchen sie jemanden, der sich setzt.
Der zuhört.
Der über einen Hund lacht, der mit seinem Stock nicht durch den Zaun passt.
Der nicht weiß, wie schwer der Tag für sein Gegenüber vielleicht gerade ist. Und ihn trotzdem ein bisschen leichter macht.
Das Schöne daran ist, dass es in beide Richtungen funktioniert.
Denn während Paul glaubte, einer einsamen alten Dame Gesellschaft zu leisten, hatte Elisabeth längst begonnen, auch sein Leben zu verändern.
Sie erinnerte ihn daran, dass Zeit nicht nur etwas ist, das man hat oder nicht hat.
Sondern etwas, das man verschenken kann.
Und dass manche der wertvollsten Geschenke weder eingepackt noch bezahlt werden müssen.
Vielleicht gibt es auch in unserem Leben jemanden, für den fünf Minuten einen Unterschied machen würden.
Eine Nachbarin. Einen alten Freund. Einen Menschen, den wir schon viel zu lange anrufen wollten.
Vielleicht sollten wir es einfach tun.
Nicht erst, wenn alles erledigt ist.
Nicht erst, wenn wir mehr Zeit haben.
Sondern irgendwann zwischendurch.
An einem ganz gewöhnlichen Donnerstag.
Oder vielleicht schon heute.
Denn manchmal bleiben von einem ganzen Tag ausgerechnet die fünf Minuten in Erinnerung, in denen jemand einfach geblieben ist.

wieder mal vielen lieben Dank für diesen wertvollen Gedanken Anstoß: man denkt zu oft, dass man Zeit haben muss, um sich Zeit zu nehmen