12 Fragen, die keine bequemen Antworten versprechen.
Es gibt diese Texte im Internet.„Neun Fragen, die dir helfen, dich selbst besser kennenzulernen.“
Man liest die erste Frage, denkt kurz darüber nach, nickt bei der zweiten, scrollt bei der dritten weiter und landet ungefähr drei Minuten später bei einem Rezept für High-Protein-Cheesecake.
Das Internet ist schließlich ein Ort voller Tiefgang. Manchmal direkt neben einem 17-Sekunden-Video, in dem jemand eine Gurke schält. Aber manche Fragen sind tatsächlich gut. Nicht, weil sie uns verraten, wer wir sind. Das wissen wir meistens schon ganz gut. Sondern weil sie uns manchmal an eine Stelle führen, an die wir im Alltag selten gehen. Und genau das wollte ich ausprobieren. Nicht als Test.Nicht als psychologisches Experiment. Und schon gar nicht mit dem Anspruch, am Ende eine bessere Version meiner selbst zu sein. Ich wollte die Fragen einfach einmal ehrlich beantworten. Ohne darüber nachzudenken, welche Antwort besonders tiefgründig klingt. Ohne sie schöner zu machen, als sie ist. Und ohne mich selbst dabei besonders gut aussehen zu lassen.
Denn wenn man schon versucht, sich selbst kennenzulernen, kann man wenigstens ehrlich sein. Also habe ich mir zwölf Fragen gestellt. Und plötzlich war da erstaunlich viel Vergangenheit dabei. Menschen. Entscheidungen. Verluste. Beziehungen. Erinnerungen.
Aber auch etwas, womit ich selbst gar nicht unbedingt gerechnet hatte: ich habe sehr viel weniger bereut, als ich dachte. Und vielleicht sagt genau das am Ende am meisten über mich aus.

1. Wenn du dein Leben heute von außen betrachten würdest – ohne dein Alter, deinen Beruf, dein Geld oder die Erwartungen anderer zu kennen: Was würde ein fremder Mensch als Erstes über dich erkennen?
Puh. Keine Ahnung. Vielleicht würde man zunächst einfach das sehen, was man auch auf Social Media oder hier im Blog von mir sieht. Jemanden, der gern unterwegs ist. Der fotografiert. Der Dinge ausprobiert. Der sein Zuhause mag, seine Katze, Reisen, Natur, schöne Momente und manchmal auch ziemlich alberne Dinge. Aber ich hoffe, dass man noch etwas anderes erkennt.
Wie sehr ich das Leben liebe.
Nicht dieses „Das Leben ist wundervoll! ✨“-Liebe, die man auf Motivationspostern findet.Sondern eher die leise Variante. Die, bei der man morgens mit einem Kaffee auf dem Balkon sitzt und denkt: Eigentlich ist das hier gerade ziemlich schön.
Die, bei der man sich über einen Sonnenuntergang freut, über einen gelungenen Fotoausdruck, über einen guten Abend mit Menschen, die einem wichtig sind. Die, bei der man irgendwann verstanden hat, dass ein gutes Leben nicht unbedingt ein spektakuläres Leben sein muss.
Vielleicht würde man bei mir also als Erstes sehen, dass ich das Leben nicht für selbstverständlich halte.
Und das wäre tatsächlich ein ziemlich schönes Bild.
2. Welche Version von dir kennen andere Menschen noch, die es heute eigentlich gar nicht mehr gibt?
Es gibt Menschen aus meiner Kindheit, die mich wahrscheinlich ganz anders abgespeichert haben. Als jemanden, der in einer unglücklichen Situation aufgewachsen ist. Jemanden, der unbedingt dazugehören wollte, aber in diesem Umfeld irgendwie nie wirklich dazugehören konnte. Jemanden, der nicht daran glaubte, dass er eine echte Chance bekommen würde.
Und vielleicht auch jemanden, der mehr verzweifelt als glücklich war. Ich glaube, diese Version von mir gibt es heute nicht mehr.
Sie musste irgendwann gehen. Nicht, weil sie schwach war. Sondern weil sie irgendwann verstanden hat, dass sie gehen musste, um irgendwo ankommen zu können.
Heute würde ich meinem früheren Ich wahrscheinlich gern sagen, dass es sich geirrt hat. Dass es eine Chance bekommen wird. Dass harte Arbeit tatsächlich etwas verändern kann. Dass es irgendwann ein Leben geben wird, das sich nicht mehr wie etwas anfühlt, aus dem man entkommen muss.
Und vielleicht würde mein jüngeres Ich mich dabei ziemlich skeptisch anschauen. Nicht aus Trotz. Sondern weil es verdammt schwer ist, an eine Zukunft zu glauben, wenn jeder einzelne Tag einem das Gegenteil erzählt.
3. Wenn du deinem jüngeren Ich begegnen könntest: Was würdest du ihm unbedingt erzählen – und was würde es dir antworten?
Ich würde wahrscheinlich gar keine große Rede halten.
Ich würde sagen:„Gib nicht auf. Es lohnt sich. Es wird sich auszahlen.“
Und dann würde mein jüngeres Ich vermutlich mit den Schultern zucken. Vielleicht sogar denken: Ja, klar. Denn aus der Perspektive eines Menschen, der gerade mittendrinsteckt, klingt Hoffnung manchmal wie eine ziemlich billige Antwort. Wenn man jeden Tag in denselben Situationen gefangen ist, hilft es wenig, wenn jemand sagt:„Irgendwann wird alles besser.“
Das Problem mit der Zukunft ist schließlich: Sie ist verdammt weit weg, wenn man gerade in der Gegenwart feststeckt. Heute weiß ich, dass es besser werden kann. Damals hätte ich es wahrscheinlich einfach gern geglaubt.
4. Wenn dir jemand eine Schachtel mit allem geben würde, was du in deinem Leben verloren hast: Wonach würdest du als Erstes suchen?
Das klingt zunächst nach einer Frage über Menschen. Aber bei mir wäre es wahrscheinlich etwas ganz anderes. Ich würde nach einer externen Festplatte suchen.
Ja. Wirklich.
Auf dieser Festplatte waren mehr als 30.000 Bilder. Und irgendwann ist sie abgeraucht. Über 30.000 Erinnerungen auf einem Stück Technik, das offenbar irgendwann beschlossen hat, dass es jetzt genug gesehen hat. Ich könnte jetzt sagen, dass ich vor allem bestimmte Menschen oder einen bestimmten Moment zurückhaben möchte. Aber eigentlich sind es genau diese Bilder, die mir zeigen, wie wichtig Erinnerungen für mich sind.
Fotos sind für mich nicht einfach Fotos. Sie sind kleine Beweise dafür, dass etwas passiert ist. Dass ich dort war. Dass dieser Mensch da war. Dass es diesen Sommer gab. Diesen Urlaub. Diesen Abend. Dieses Zuhause. Dieses Leben.Vielleicht würde ich deshalb in dieser Schachtel nicht zuerst nach einem Menschen suchen. Sondern nach meinem Gedächtnis.
Und ja, falls jemand zufällig eine funktionierende externe Festplatte mit 30.000 Fotos von mir findet: Wir können über eine angemessene Belohnung sprechen.
5. Gibt es einen Menschen, dem du heute noch etwas sagen würdest, wenn du wüsstest, dass du genau einen einzigen Abend mit ihm verbringen könntest?
Ich würde diesen Abend mit meinem Großvater verbringen.Meine Mutter und meine Großeltern sind zerstritten, seit ich sechs Jahre alt war. Dadurch habe ich meine Großeltern viele Jahre nicht gesehen, obwohl sie in meiner frühen Kindheit wichtige Bezugspersonen für mich gewesen waren.Vielleicht macht genau das diesen letzten Besuch für mich bis heute so schwierig einzuordnen.
Als ich meinen Großvater damals wiedergesehen habe, wusste ich bereits, dass er schwer krank war. Ich wusste auch, dass wir uns wahrscheinlich zum letzten Mal sehen würden. Aber was macht man mit so einem Wissen? Wie verabschiedet man sich von einem Menschen, der einem einmal so nah war und den man dann über viele Jahre kaum noch gesehen hat?
Ich wusste es nicht.
Also habe ich den Abschied hinausgezögert. Ich habe mich irgendwie festgeredet, mich wiederholt, versucht, noch irgendetwas zu sagen. Nicht, weil ich nicht gehen wollte. Sondern weil ich einfach nicht wusste, wie man sich von jemandem verabschiedet, von dem man sich eigentlich schon viel früher hätte verabschieden müssen.
Und irgendwann hat mein Großvater mir einfach die Hand gereicht.
Ganz unspektakulär.
Kein großer letzter Satz.
Keine dramatische Szene.
Einfach seine Hand zum Abschied.
Und vielleicht war genau das in diesem Moment seine letzte Art, mir etwas abzunehmen. Er hat die größte Hürde mit Würde für mich genommen.
Ich musste nicht die richtigen Worte finden. Ich musste den Abschied nicht irgendwie perfekt machen. Er hat verstanden, dass ich nicht wusste, wie. Heute denke ich manchmal darüber nach und frage mich, ob er überhaupt geahnt hat, was diese kleine Geste für mich bedeutet hat. Vielleicht war sie für ihn einfach nur ein Abschied. Für mich war sie viel mehr. Ich habe ihm nie richtig sagen können, wie dankbar ich ihm bin. Dafür, was er mir in meiner frühen Kindheit gegeben hat. Und auch dafür, dass er mir später, in diesem einen schwierigen Moment, den Weg zurück in einen Abschied ermöglicht hat, den ich allein wahrscheinlich noch viel länger hinausgezögert hätte.
Wenn ich heute noch einmal einen Abend mit ihm haben könnte, würde ich ihm deshalb genau das sagen. Dass ich dankbar bin. Und vielleicht würde ich diesmal nicht so viele Worte brauchen. Vielleicht würde ich einfach seine Hand nehmen.
Denn ich musste mich nicht verabschieden, bevor ich mich verabschiedet hatte.
6. Welches „Was wäre, wenn …“ taucht in deinem Kopf immer wieder auf?
Und hier wird es plötzlich langweilig. Denn ich habe keins. Zumindest fällt mir keines ein. Ich bereue keine Entscheidung, die ich in meinem Leben getroffen habe. Nicht die guten. Und auch die schlechten nicht. Natürlich gibt es Entscheidungen, die wehgetan haben. Dinge, die anders gelaufen sind, als ich gehofft hatte. Menschen, bei denen ich heute vielleicht vieles anders machen würde.
Aber ich möchte keine davon zurücknehmen. Denn jede dieser Entscheidungen hat mich zu der Person gemacht, die ich heute bin. Vielleicht ist das eine der wichtigsten Dinge, die ich über mich gelernt habe: Ich muss meine Vergangenheit nicht mögen, um sie anzunehmen. Manchmal reicht es, zu wissen: Es war ein Teil meines Weges. Und ich bin trotzdem hier.
7. Wenn du wüsstest, dass niemand von dir enttäuscht wäre und du niemandem etwas erklären müsstest: Was würdest du in deinem Leben verändern?
Interessanterweise ist diese Frage für mich gar nicht so dramatisch. Denn bei den Menschen, bei denen es mir wirklich wichtig ist, was sie über mich denken, weiß ich etwas sehr Wertvolles:
Sie stehen hinter mir. Wir unterstützen uns gegenseitig, wenn wir merken, dass etwas dem anderen guttut.
Und genau deshalb habe ich bei diesen Menschen keine Angst davor, sie zu enttäuschen. Wenn ich morgen sagen würde:„Ich kündige alles und ziehe nach Norwegen.“ würde wahrscheinlich erst einmal jemand fragen:„Hast du das durchgerechnet?“
Aber danach vermutlich:„Okay. Wie können wir helfen?“
Das ist für mich Liebe.
Nicht blindes Zustimmen. Sondern die Freiheit, sein eigenes Leben zu leben und trotzdem Menschen zu haben, die neben einem stehen. Und was würde ich verändern? Im Moment tatsächlich nichts. Es gibt gerade keinen großen Punkt, bei dem ich denke: Das muss alles anders werden.
Und vielleicht ist das eine ziemlich unterschätzte Form von Glück.
8. Welche Wahrheit über dich selbst hat am längsten gebraucht, bis du sie akzeptieren konntest?
Dass ich nicht unbedingt einfach gestrickt bin. Ich habe manchmal selbst keine Ahnung, welche Facette von mir als Nächstes um die Ecke kommt. Manchmal reagiere ich auf Dinge völlig anders, als ich es von mir erwartet hätte. Und manchmal denke ich: So. Jetzt bin ich wirklich die beste Version meiner selbst. Und am nächsten Tag denke ich: Okay. Das war wohl gestern.
Aber vielleicht ist genau das der Punkt. Die beste Version von mir ist kein Ziel, das man irgendwann erreicht und dann abhakt.
Ich glaube, ich habe irgendwann verstanden, dass ich niemals fertig sein werde. Ich werde mich verändern.
Dazulernen.
Mich selbst überraschen.
Manchmal über mich lachen.
Manchmal mich über mich ärgern.
Und hoffentlich immer wieder feststellen: Da geht noch was. Nicht unbedingt höher, schneller, weiter.
Aber tiefer.Ehrlicher.Mehr ich.
9. Hast du dich selbst schon einmal vermisst?
Definitiv.
In Beziehungen.
Genauer gesagt: eineinhalb Mal. Ja, eineinhalb. Das klingt jetzt ein bisschen so, als würde ich Menschen in halben Portionen verlassen. So war es nicht. Aber beim ersten Mal war ich irgendwann komplett verschwunden. Mein Kopf wusste längst: Sag mal, was zur Hölle tust du da?
Aber meine Gefühle waren so stark, dass ich dagegen nicht angekommen bin. Ich war nicht mehr ich selbst. Und vielleicht ist das eine der unangenehmsten Erkenntnisse überhaupt: Man kann einen anderen Menschen so sehr lieben, dass man dabei anfängt, sich selbst zu verlieren. Beim zweiten Mal war es ähnlich. Nur war ich dieses Mal schneller.
Ich kannte dieses Gefühl inzwischen. Dieses leise, vertraute Gefühl: Irgendwas stimmt hier nicht. Ich werde mir selbst fremd. Und diesmal habe ich es nicht mehr ignoriert. Vielleicht ist das Erwachsenwerden manchmal genau das: Nicht keine Fehler mehr zu machen. Sondern dieselben Warnsignale irgendwann früher zu erkennen.
10. Wenn du heute allen Menschen begegnen könntest, die irgendwann einmal wichtig für dich waren: Nach wem würdest du zuerst suchen?
Es gibt zwei Menschen, nach denen ich wahrscheinlich suchen würde, obwohl ich sie noch nie getroffen habe.
Meine Halbschwester. Und meinen Halbbruder.
Ich habe sie nie kennengelernt. Und wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich vermutlich nicht einmal unbedingt hingehen und sagen:„Hallo, hier bin ich! Wir müssen jetzt sofort eine große Familiengeschichte nachholen.“
Vielleicht würde ich einfach aus der Ferne schauen. Wer sie sind. Wie sie leben. Wie sie aussehen. Was sie für Menschen geworden sind. Manchmal möchte man nicht unbedingt eine Tür aufstoßen. Man möchte nur einmal wissen, was sich dahinter befindet.
Und dann gibt es Menschen, nach denen ich bewusst nicht suchen würde. Davon gibt es mehrere. Und erstaunlicherweise fühlt sich das nicht bitter an. Es ist einfach okay. Nicht jeder Mensch, der einmal wichtig war, muss für immer Teil des eigenen Lebens bleiben. Manche Menschen gehören zu einer bestimmten Version von uns. Und manchmal darf diese Tür einfach geschlossen bleiben.
11. Wenn dein Leben nicht mehr länger, erfolgreicher, aufregender oder „besser“ werden müsste – sondern einfach nur noch wirklich deins sein müsste: Was würdest du anders machen?
Nach Schweden oder Norwegen auswandern.
😉 Nein, im Ernst.
Dieses „höher, schneller, weiter, erfolgreicher, besser“ habe ich für mich schon vor Jahren ziemlich weit hinten im Schrank verstaut. Ich habe ein tolles Leben. Ich bin zufrieden. Ich bin glücklich. Und ich glaube, das ist etwas, das man sich ruhig einmal erlauben darf zu sagen, ohne sofort ein „aber“ hinterherzuschieben.
Ich muss mein Leben nicht ständig verbessern, um es wertzuschätzen. Natürlich gibt es Dinge, die ich noch erleben möchte. Und ja, da wäre zum Beispiel dieser eine Punkt: Ich würde mein Leben gern noch mehr mit jemandem teilen. Nicht weil mir allein etwas fehlt. Sondern weil manche Dinge einfach schöner sind, wenn man sie gemeinsam erlebt.
Und vielleicht sitzt irgendwann tatsächlich jemand neben mir in Schweden oder Norwegen und wir schauen auf irgendeinen See und ich denke: Na gut. Das hier war jetzt wirklich keine schlechte Entscheidung.
12. Wenn du dich heute zum ersten Mal kennenlernen würdest – mit allem, was du erlebt, verloren, gelernt und aus dir gemacht hast: Würdest du dich selbst in dein Leben lassen?
Ja. Ich würde mich in mein Leben lassen. Nicht, weil ich perfekt bin. Sondern weil ich echt bin. Meine Verluste und meine Umwege haben mich nicht bitter gemacht. Sie haben mich tiefgründiger gemacht. Wärmer. Ehrlicher. Ich habe gelernt, Dinge selbst anzupacken.
Neuanfänge zu wagen.
Mich nicht darauf zu verlassen, dass irgendjemand kommt und mein Leben für mich richtet. Und ich habe gelernt, mir mein Leben selbst schön zu machen. Ich würde heute vor einem Menschen stehen, der die kleinen Dinge schätzt. Natur. Das Gestalten. Das Erschaffen mit den eigenen Händen. Ein gemütliches Zuhause. Eine kleine schwarze Katze, die wahrscheinlich anderer Meinung wäre, wenn sie gefragt würde.Menschen, die mir wirklich am Herzen liegen.
Humor. Verlässlichkeit. Und ganz sicher auch Ecken, Kanten und Narben. Aber eben auch viel Herz. Und wenn ich diesen Menschen heute kennenlernen würde, würde ich wahrscheinlich sagen: Komm rein. Bleib ruhig. Du musst hier nichts vorspielen.
Und dann wäre da noch eine letzte Frage. Keine von den zwölf. Eher die Frage, bei der man kurz überlegt, ob man sie wirklich beantworten möchte. Wenn du morgen erfahren würdest, dass dir nur noch ein Jahr bleibt: Was wäre das Erste, bei dem du denken würdest:„Verdammt. Das hätte ich nicht aufschieben dürfen.“
Meine Antwort ist erstaunlich klischeehaft.
Eine Weltreise mit AIDA.
Ja. Ich weiß. Nicht besonders philosophisch. Keine Himalaya-Besteigung. Keine spirituelle Reise nach Tibet. Kein „Ich möchte noch einmal meine Jugendliebe sehen und ihr sagen, dass sie mein Leben verändert hat“. Nein. Ich möchte auf ein Schiff steigen und einmal richtig weit raus.
Viele Orte sehen. Meer. Neue Länder. Fotos machen. Staunen. Einfach unterwegs sein.
Und irgendwann denke ich mir wahrscheinlich: Wenn ich irgendwann das Geld dafür habe, mache ich das.
Und genau da steckt vielleicht die eigentliche Antwort. Denn wie oft sagen wir:„Irgendwann.“
Irgendwann reise ich dorthin. Irgendwann mache ich das. Irgendwann habe ich mehr Zeit. Irgendwann habe ich genug Geld. Irgendwann, wenn alles passt. Nur hat das Leben leider die ziemlich schlechte Angewohnheit, uns nicht mitzuteilen, wann dieses „irgendwann“ abläuft.
Vielleicht muss man deshalb nicht jede Sehnsucht sofort in einen Lebensplan verwandeln. Aber vielleicht sollte man manche Dinge auch nicht so lange aufschieben, bis aus einem Wunsch nur noch eine Erinnerung an etwas wird, das man eigentlich einmal machen wollte.
Und jetzt bist du dran.
Während ich diese Fragen beantwortet habe, habe ich mich gefragt, warum solche Fragen überhaupt so faszinierend sind. Vielleicht, weil wir im Alltag erstaunlich selten wirklich über uns selbst sprechen. Wir erzählen, was wir gemacht haben. Wo wir waren. Was wir gekauft haben. Wohin wir fahren. Was gerade nervt. Was wir noch erledigen müssen. Aber wie oft sitzen wir tatsächlich da und fragen uns: Wer bin ich eigentlich geworden? Was ist von dem Menschen übrig, der ich einmal war? Wen vermisse ich? Was habe ich losgelassen? Welche Menschen würde ich noch einmal sehen wollen? Was würde ich zurückholen, wenn ich könnte? Und vor allem: Mag ich den Menschen, der aus all dem geworden ist? Vielleicht gehen wir solchen Fragen deshalb lieber aus dem Weg. Nicht unbedingt, weil die Antworten schlimm wären. Sondern weil sie etwas verändern könnten. Eine ehrliche Antwort kann unbequem sein. Sie kann einem zeigen, dass man jemanden vermisst, von dem man dachte, man hätte längst abgeschlossen. Dass man einen Traum seit Jahren vor sich herschiebt. Dass man in einer Beziehung irgendwann aufgehört hat, man selbst zu sein. Dass man eine alte Version von sich selbst gar nicht zurückhaben möchte. Oder – und vielleicht ist das sogar die schönste Antwort von allen – dass man irgendwann feststellt: Ich würde heute nichts zurückholen.
Nicht, weil alles gut war.Sondern weil auch das Schlechte irgendwo hingeführt hat.
Hierhin.
Zu diesem Leben.
Zu diesem Menschen.
Zu mir.
Und vielleicht ist Selbsterkenntnis am Ende gar nicht die große Erleuchtung, bei der man plötzlich weiß, wer man ist. Vielleicht bedeutet sie viel mehr, sich irgendwann selbst anzusehen und sagen zu können: Ich kenne meine Geschichte. Ich kenne meine Fehler. Ich kenne meine Narben. Ich kenne meine Widersprüche. Und trotzdem denke ich: Mit mir würde ich heute gern noch ein bisschen Zeit verbringen.
Vielleicht sogar sehr viel.
Und vielleicht würde ich dafür tatsächlich schon mal anfangen, für die Weltreise zu sparen. Man weiß ja nie. Irgendwann.Aber bitte nicht erst irgendwann.