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Wort am Sonntag 26.07.2026

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Gekaufte Hasser, eiskalte Reflexe und die Illusion der einfachen Erklärungen

Ich habe heute Nacht noch zu einer Freundin gesagt, dass ein CSD quasi längst überfällig war. Ich habe mich auf solchen Großveranstaltungen selten wirklich wohlgefühlt. Nicht, weil die Idee falsch wäre, sondern weil sie eine extreme Angriffsfläche bieten. Wer als queer identifizierbarer Mensch auf die Straße geht, setzt sich einer Verwundbarkeit aus, die viele außerhalb unserer Community nicht einmal im Ansatz nachvollziehen können. Dass Menschen umgekommen sind und ihr Leben für ein Stück Sichtbarkeit und Freude verloren haben, schmerzt tief. Meine Gedanken, meine Trauer und mein Mitleid gehen an alle Hinterbliebenen und Verletzten.

Aber was aus dieser Tat innerhalb von Minuten gemacht wird, ist grausam. Es macht mich wütend. Es macht mich sprachlos, wie schnell die Menschlichkeit abgetrumpft wird von Zynismus, Hass und der Sucht nach einfachen Antworten.

Die Fratze der Verrohung: Ein Blick in die Kommentarspalten

Als die ersten Eilmeldungen über den Schreckensort liefen, als noch kein einziger Fakt feststand, kein Name, kein Motiv, keine Hintergründe, war eine Sache bereits in voller Stärke da: der ungehemmte Hass. Während Familien um ihre Angehörigen bangten, fluteten Kommentare die sozialen Netzwerke, die mir das Blut in den Adern gefrieren lassen. Man muss sich diese Zeilen unverfälscht vor Augen führen, um zu begreifen, wo Teile dieser Gesellschaft stehen:

  • „Endlich mal ne gute Nachricht“

  • „Diese Veranstaltung wirbt doch für bunt 🤣🤣🤣🤣 genau mein Humor“

  • „Ironie des Schicksals, bitte nicht beschweren“

  • „passiert, mir egal“

  • „Ich weiß nicht, ob ich das so schlimm finden sollte, sind doch alle sooooo bunt. Bestimmt steigt schon bald ne Demo gegen rechts.“

  • „wenn eine kranke Ideologie auf eine perverse Ideologie trifft“

  • „Die bekommen die Konsequenzen Ihres Handelns zu spüren“

  • „Null Mitleid meinerseits! Es braucht sich wirklich niemand darüber wundern oder beschweren. Jede Handlung hat eine Konsequenz, willkommen in der Realität. Nur meine Meinung“

  • „aber die vom CSD wollen ja dass eine bunte Welt zu uns kommt, egal ob sie Messer dabei haben“

  • „Ich geh jetzt pennen. Was läuft morgen 🤣🤣🤣“

  • „wenn die Vielfalt Hallo sagt 🤣🤣🤣 die Früchte eurer Wahl. Genießt es, oder ändert es, jeder kennt sie Lösung“

All diese Aussagen und tausende mehr – manche noch weitaus abscheulicher – erschienen kurz nach dem Vorfall. Sie zeigen unbarmherzig, warum die Angriffsquoten auf LGBTQIA+-Personen seit Jahren stetig steigen. Warum wir uns nicht mehr sicher fühlen, wenn wir Hand in Hand durch die Stadt gehen. Und nein: Das liegt nicht nur an Menschen, die neu in unser Land kommen. Es liegt genauso an den rechten Parteien und Strömungen hierzulande, die Hass gegen Minderheiten seit Jahren systematisch bedienen, relativieren, verharmlosen und feige schüren.

Die Mechanik der Instrumentalisierung

Niemand wartet mehr ab. Keiner liest noch Ermittlungsberichte. Innerhalb von Sekunden wird ein Verbrechen zur Munition im politischen Kulturkampf umgedeutet. Jede politische Fraktion greift reflexartig zu ihren vorgefertigten Narrativen:

Rechtspopulistische & extreme Akteure: Nutzen jedes Täterprofil sofort als Bestätigung für ihr Narrativ der gescheiterten Migrationspolitik. Das Opfer wird ignoriert, die Tat wird zum Argument für Ausgrenzung.

Progressive & Zivilgesellschaftliche Kräfte: Weisen auf die grassierende Queerfeindlichkeit hin und fordern rechtlichen Schutz, werden jedoch oft sofort beschuldigt, Gewalttaten durch „falsche Toleranz“ mitzuverursachen.

Die Algorithmen der Netzwerke: Belohnen Wut, Verachtung und Spaltung. Je extremer der Kommentar, desto höher die Reichweite. Die leise Trauer hat im Feed keinen Platz.

Dass Ereignisse dieser Art so maßlos hochkochen, ist kein Zufall. Es passiert im Vorfeld wichtiger Wahlen, wo Emotionen gezielt als Wählerfutter missbraucht werden. Die Gesellschaft lässt sich instrumentalisieren, weil sie verlernt hat, Innehalten und Komplexität auszuhalten.

Die unsichtbare Regie: Wie wir uns benutzen lassen

Noch bitterer wird die Realität, wenn wir den Blick über den eigenen Tellerrand hinausrichten. Sicherheitsbehörden warnen seit Langem vor hybrider Kriegsführung. Ausländische Akteure – allen voran aus Russland – haben längst Methoden perfektioniert, um westliche Demokratien von innen heraus zu zersetzen.

Es ist dokumentiert, wie gezielt „Wegwerf-Agenten“ oder kriminelle Handlanger über Netzwerke wie Telegram oder das Darknet eingekauft werden. Für kleine Geldbeträge werden Menschen angeworben, um Sabotageakte, Anschläge oder Provokationen durchzuführen. Das Kalkül dahinter ist so einfach wie diabolisch:

Es geht gar nicht primär darum, wer das konkrete Opfer ist. Es geht darum, uns gegeneinander aufzuhetzen. Russische Trollfarmen und Botnetze bedienen nach solchen Taten nicht nur eine Seite. Sie befeuern zeitgleich den fremdenfeindlichen Mob und die empörte Gegenreaktion. Sie gießen Benzin in jede gesellschaftliche Fuge. Und wir? Wir fallen jedes Mal wieder darauf herein. Wir übernehmen die Narrative, wir tippen den Hass, wir verteilen die Wut. Wir lassen uns als Werkzeuge fremder Interessen missbrauchen, während wir glauben, für das „Richtige“ zu kämpfen.

Das Ende der einfachen Wahrheiten

Wir haben als Gesellschaft zugelassen, dass der Hass gegen andere wieder salonfähig geworden ist. Wir befeuern ihn zum Teil selbst, indem wir in Schwarz-Weiß-Kategorien denken, indem wir den ersten schnellen Sündenbock akzeptieren und uns weigern, die komplexen, schmerzhaften Verflechtungen der Realität zu sehen.

Ich gebe mich nicht mehr mit der ersten einfachen Erklärung zufrieden. Es ist mir zu einfach. Es ist mir zu offensichtlich.

„Was ich weiß, ist dass ich nichts weiß.“

Erst wenn wir anfangen, diese demütige Erkenntnis wieder zuzulassen – wenn wir aufhören, jedem Bellen im Netz hinterherzulaufen und stattdessen hinschauen, wer von unserer Spaltung profitiert –, erst dann haben wir eine Chance, den Hass zu durchbrechen. Bis dahin bleibt Trauer. Und eine Wut, die uns antreiben muss, nicht stumm zu bleiben.

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