Die Geometrie des Loslassens
Es gibt Trennungen, die passieren an einem Dienstag.
Kein Gewitter. Keine dramatische Musik. Kein Fenster, durch das jemand in einer Filmszene blickt, während draußen zufällig der Regen gegen die Scheibe schlägt.
Einfach nur ein Gespräch.
Ein paar Sätze.
Und plötzlich steht man mitten in einem Leben, das sich noch genauso anfühlt wie gestern – nur dass die Zukunft darin nicht mehr dieselbe ist.
Vielleicht ist das das Merkwürdige am Loslassen:
Man verliert nicht nur einen Menschen.
Man verliert Gewohnheiten.
Pläne.
Selbstverständlichkeiten.
Dieses kleine „Wir“, das sich irgendwann ganz unbemerkt in jedes „Ich“ geschlichen hat.
Und plötzlich muss man wieder lernen, wie man einen Satz beginnt, ohne automatisch „wir“ zu sagen.
Am Anfang klingt Trennung für mich sowieso immer ein bisschen nach Bon Iver.
Bon Iver – „Skinny Love“:
„And I told you to be patient.“
Geduld.
Was für ein seltsames Wort, wenn etwas bereits dabei ist, auseinanderzufallen.
Man wartet.
Auf eine Erklärung.
Auf einen Sinn.
Auf den Moment, in dem der Schmerz endlich eine verständliche Form annimmt.
Aber Gefühle sind keine IKEA-Möbel.
Man kann sie nicht einfach nach Anleitung zusammenschrauben und am Ende feststellen:
Ah. Seite 7. Deshalb.
Manchmal passt einfach etwas nicht mehr zusammen.
Und das bedeutet nicht automatisch, dass alles vorher falsch war.
Es bedeutet nur, dass etwas zu Ende gegangen ist.
Dann kommt die Phase, in der man sich einredet, man sei völlig entspannt.
Natürlich.
Man schaut nicht auf das Handy.
Man wartet nicht auf eine Nachricht.
Man denkt nicht darüber nach, ob der andere gerade genauso viel nachdenkt.
Und selbstverständlich öffnet man auch nicht zum 47. Mal denselben Chat.
Nein.
Man ist schließlich erwachsen.
Zumindest theoretisch.
Und irgendwo im Hintergrund läuft Robyn – „Dancing On My Own“:
„I’m in the corner, watching you kiss her.“
Diese eine Zeile hat schon mehr Trennungen überlebt als vermutlich sämtliche Paartherapeuten dieser Welt.
Weil sie dieses Gefühl kennt:
Du bist noch da.
Aber nicht mehr dort, wo du einmal hingehört hast.
Und das tut weh.
Nicht, weil man dem anderen sein Glück nicht gönnt.
Sondern weil man selbst noch nicht weiß, wohin mit all dem eigenen.
Dann kommt die Wut.
Die ist übrigens unterschätzt.
Wut ist nicht immer hässlich.
Manchmal ist sie einfach Trauer mit Turnschuhen.
Sie steht auf.
Sie macht die Tür zu.
Sie sagt:
Jetzt reicht’s.
Und manchmal braucht es dafür genau die richtige Musik.
Christina Perri – „Jar of Hearts“:
„Who do you think you are?“
Herrlich.
Drei Sekunden Selbstbewusstsein zum Mitnehmen.
Natürlich hält dieser Zustand nicht ewig.
Aber für einen Abend reicht er völlig.
Irgendwann sitzt man dann da und merkt:
Das Schlimmste ist gar nicht mehr die Trennung.
Das Schlimmste ist die Erkenntnis, wie sehr man sich selbst in dieser Beziehung vielleicht vergessen hat.
Nicht komplett.
Aber ein bisschen.
Man wird bequem in einem gemeinsamen Leben.
Man übernimmt Gewohnheiten.
Man denkt in Kompromissen.
Man verschiebt Dinge.
Vielleicht Träume.
Vielleicht Reisen.
Vielleicht einfach nur sich selbst.
Und irgendwann fragt man sich:
Wann genau habe ich aufgehört, mich selbst genauso wichtig zu nehmen wie den Menschen neben mir?
Darauf gibt es selten eine schöne Antwort.
Aber eine ehrliche.
Sia – „Elastic Heart“:
„I’ve got thick skin and an elastic heart.“
Ich mag diesen Satz.
Nicht, weil man angeblich unverwundbar werden muss.
Sondern weil er etwas anderes sagt:
Man kann brechen, ohne für immer kaputt zu sein.
Man kann weich bleiben und trotzdem wieder aufstehen.
Vielleicht ist genau das Stärke.
Nicht, nichts mehr zu fühlen.
Sondern trotz allem weiterzufühlen.
Und dann kommt diese seltsame Zwischenzeit.
Man ist nicht mehr wirklich traurig.
Aber auch noch nicht glücklich.
Man funktioniert.
Man geht arbeiten.
Man kauft Lebensmittel.
Man macht Kaffee.
Man lacht über irgendeinen Blödsinn.
Und irgendwann merkt man:
Oh.
Ich habe gerade zehn Minuten nicht daran gedacht.
Und dann denkt man natürlich sofort wieder daran.
Natürlich.
Das Gehirn ist ein kleines sadistisches Genie.
Aber genau dort beginnt etwas.
Nicht laut.
Nicht spektakulär.
Einfach nur ganz leise.
Ein Anfang.
Silbermond – „Irgendwas bleibt“
Vielleicht bleibt tatsächlich etwas.
Nicht unbedingt die Beziehung.
Aber die Erfahrung.
Die Liebe.
Die Erinnerung an eine Zeit, in der man wirklich glücklich war.
Und auch die Erkenntnis, dass etwas Schönes nicht dadurch wertlos wird, dass es endet.
Das ist vielleicht einer der schwierigsten Gedanken beim Loslassen:
Nicht alles, was endet, war ein Fehler.
Manchmal war es einfach eine Geschichte mit einem anderen letzten Kapitel, als man geplant hatte.
Und irgendwann hört man Rosenstolz – „Ich bin ich“.
Und plötzlich bekommt dieser Titel eine ganz andere Bedeutung.
Nicht als Trotz.
Nicht als „Dann brauche ich eben niemanden“.
Sondern als Erinnerung:
Da war jemand.
Vor der Beziehung.
Während der Beziehung.
Und danach.
Ich.
Nicht die Hälfte von irgendetwas.
Nicht jemand, der darauf wartet, wieder vollständig zu werden.
Sondern ein ganzer Mensch.
Mit Macken.
Mit Geschichte.
Mit Fehlern.
Mit viel zu vielen Gedanken.
Mit Dingen, die noch kommen.
Vielleicht ist genau das Loslassen:
Nicht den anderen aus seinem Leben zu löschen.
Sondern aufzuhören, sich selbst aus dem eigenen Leben zu löschen.
Man muss nicht alles vergessen.
Man muss auch nicht so tun, als wäre einem alles egal.
Man darf vermissen.
Man darf wütend sein.
Man darf nachts plötzlich einen Song hören und feststellen, dass eine einzige Textzeile einen direkt zurück in eine andere Zeit katapultiert.
Adele – „Someone Like You“:
„Never mind, I’ll find someone like you.“
Ein Satz, der gleichzeitig Hoffnung und Schmerz enthält.
Denn vielleicht findet man tatsächlich irgendwann jemanden.
Aber vielleicht ist die eigentliche Aufgabe vorher eine andere:
Sich selbst wiederzufinden.
Florence + The Machine – „Shake It Out“:
„It’s hard to dance with a devil on your back.“
Ja.
Ist es.
Vor allem, wenn dieser Teufel aus Erinnerungen besteht.
Aus Schuld.
Aus „Was wäre wenn?“
Aus „Hätte ich doch …“
Aus all den Sätzen, die man im Kopf noch hundertmal führt, obwohl das Gespräch längst vorbei ist.
Aber irgendwann wird man müde davon.
Nicht von der Liebe.
Vom Festhalten.
Und dann lässt man langsam los.
Nicht mit einem großen Knall.
Sondern Zentimeter für Zentimeter.
Wie eine Hand, die irgendwann begreift, dass sie nicht für immer etwas festhalten muss, nur weil sie es einmal geliebt hat.
Und vielleicht braucht es irgendwann einen deutschen Song dafür.
Udo Lindenberg – „Horizont“
Weil plötzlich wieder etwas vor einem liegt.
Nicht unbedingt jemand.
Ein Horizont.
Und das reicht.
Denn ein Horizont verspricht nichts.
Er sagt nicht, dass alles gut wird.
Er sagt nur:
Da geht es weiter.
Dann kommt irgendwann dieser Morgen.
Der erste Morgen, an dem man aufwacht und nicht als Erstes daran denkt.
Man macht Kaffee.
Vielleicht auf dem Balkon.
Die Welt sieht aus wie immer.
Der gleiche Himmel.
Die gleichen Häuser.
Die gleichen Geräusche.
Und trotzdem ist etwas anders.
Nicht draußen.
In einem selbst.
Man merkt:
Ich habe überlebt.
Nicht nur irgendwie.
Ich bin noch da.
Und plötzlich bekommt Nina Simone – „Feeling Good“ eine Bedeutung, die man vorher vielleicht gar nicht verstanden hat:
„It’s a new dawn, it’s a new day.“
Eine neue Morgendämmerung.
Ein neuer Tag.
Nicht perfekt.
Nicht fertig.
Aber meiner.
Vielleicht ist das der Moment, in dem man aufhört, nach einem Ersatz zu suchen.
Denn darum geht es beim Neuanfang eigentlich gar nicht.
Es geht nicht darum, möglichst schnell wieder jemanden neben sich zu haben.
Es geht darum, wieder gerne neben sich selbst zu sitzen.
Mit den eigenen Gedanken.
Mit der eigenen Unordnung.
Mit all den kleinen Eigenheiten, die man irgendwann wieder laut leben darf.
Man darf wieder entscheiden, wohin man fährt.
Was man hört.
Was man kocht.
Wann man schläft.
Wohin der nächste Urlaub geht.
Welche Träume bleiben.
Und welche man endlich loslässt.
Andreas Bourani – „Auf uns“:
„Ein Hoch auf uns.“
Vielleicht passt das besser, als man zunächst denkt.
Nicht nur auf Paare.
Nicht nur auf große Liebesgeschichten.
Sondern auf Menschen, die durch schwierige Zeiten gegangen sind und trotzdem noch lachen.
Auf Menschen, die irgendwann wieder anfangen.
Auf Menschen, die feststellen:
Ich brauche keinen perfekten Plan.
Ich brauche nur den Mut, weiterzugehen.
Und vielleicht werde ich irgendwann wieder jemanden treffen.
Vielleicht sogar jemanden, der mich völlig unerwartet aus dem Konzept bringt.
Jemanden, mit dem ich lache.
Jemanden, der meine Macken nicht als Gebrauchsanweisung für den Rückversand betrachtet.
Jemanden, mit dem aus einem Ich irgendwann wieder ein Wir werden kann.
Vielleicht.
Aber diesmal möchte ich mich dabei nicht verlieren.
Denn Liebe sollte kein Ort sein, an dem man sich selbst abgibt, um dazuzugehören.
Liebe sollte ein Ort sein, an dem zwei Menschen bleiben dürfen, wer sie sind.
Bis dahin?
Lebe ich.
Ich trinke meinen Kaffee.
Ich fahre irgendwohin, wo ich noch nie war.
Ich mache Fotos.
Ich höre Musik.
Ich schreibe.
Ich lache.
Ich heule, wenn mir danach ist.
Ich genieße meine Freiheit.
Und manchmal sitze ich einfach da und denke:
Verdammt.
Das Leben ist tatsächlich noch ziemlich groß.
Und irgendwo da draußen wartet nicht zwingend schon die nächste große Liebe.
Vielleicht wartet erst einmal einfach nur das nächste Kapitel.
Und das ist vollkommen okay.
Denn vielleicht ist Loslassen gar nicht das Ende einer Geschichte.
Vielleicht ist es nur der Moment, in dem man endlich aufhört, rückwärts zu lesen.
Und während ich darüber nachdenke, sitzt meine kleine schwarze Katze wahrscheinlich irgendwo in der Wohnung und fragt sich, warum ich schon wieder so dramatisch bin.
Für sie ist die Sache wesentlich einfacher.
Liebe ist Frühstück.
Treue ist ein warmer Schlafplatz.
Und emotionale Unterstützung bedeutet vermutlich, dass jemand zuverlässig die Dose aufmacht.
Manchmal beneide ich sie ein bisschen um diese Klarheit.
Aber dann muss ich lachen.
Und vielleicht ist genau das der Punkt.
Ich muss heute noch nicht wissen, wer irgendwann neben mir sitzt.
Ich muss auch nicht wissen, wie die nächste große Geschichte aussieht.
Ich muss nur wissen, dass ich wieder am Tisch sitze.
Mit meinem eigenen Leben.
Mit meinem eigenen Herzen.
Und mit genügend Platz für alles, was noch kommt.
Vielleicht ist das Loslassen also keine gerade Linie.
Vielleicht ist es Geometrie.
Ein paar Umwege.
Ein paar Kreise.
Manchmal ein Punkt, an dem man wieder ganz am Anfang steht.
Nur dass man inzwischen weiß, wer man ist.
Und vielleicht ist genau das der schönste Neuanfang von allen:
Ich bin nicht wieder allein.
Ich bin wieder bei mir.