Wort zum Sonntag: Die Abenteuer der Ausreißerkönigin Kloesschen
Liebe Dosenöffner, Katzenfreunde und sonstige Untertanen,
ich muss euch etwas beichten.
Vor zwei Wochen hatte ich eine brillante Idee.
Nun ja …
zumindest hielt ich sie für brillant.
Meine Menschen waren mit diesem riesigen fahrenden Ding unterwegs, das sie liebevoll „Bulli“ nennen. Offenbar stand ein großes Abenteuerwochenende bevor. Für mich war das Ganze allerdings etwas verwirrend.
Neue Umgebung.
Neue Gerüche.
Neue Geräusche.
Und eine Nacht an einem Ort, der gar nicht unser Zuhause war.
Während meine Menschen vermutlich dachten:
„Morgen fahren wir weiter.“
Dachte ich:
„Aha. Sie ziehen also um. Ohne mich.“
Eine Katze muss in solchen Situationen Entscheidungen treffen.
Und ich traf eine.
Ich verschwand.
Damals fühlte sich das nach einer hervorragenden Idee an.
Heute würde ich sie eher unter „mittelschwere Fehleinschätzung“ verbuchen.
Anfangs war alles aufregend.
Überall unbekannte Gerüche.
Wald.
Büsche.
Wege.
Mäuselöcher.
Abenteuer.
Ich fühlte mich wie eine große Entdeckerin.
Die Königin des Waldes.
Herrscherin über jeden Grashalm.
Bezwingerin der Wildnis.
Nach ungefähr 24 Stunden stellte ich fest, dass die Wildnis erstaunlich wenig Futterservice anbietet.
Die ersten Nächte waren kalt.
Nicht ein bisschen kalt.
Richtig kalt.
So kalt, dass ich mich eng zusammenrollte und davon träumte, wie ich zuhause auf meinem Lieblingsplatz liege.
Tagsüber brannte die Sonne.
Der Waldboden wurde warm.
Die Luft stand zwischen den Bäumen.
Und während ich von Schattenplatz zu Schattenplatz schlich, wurde mir langsam klar, dass Abenteuerfilme einen wichtigen Teil verschweigen:
Man ist ständig entweder zu heiß, zu kalt oder hungrig.
Meistens alles gleichzeitig.
Der Wald war übrigens längst nicht so leer, wie ich anfangs gedacht hatte.
Nichts raschelte es überall.
Irgendetwas war ständig unterwegs.
Manche Begegnungen waren interessant.
Andere eher beunruhigend.
Da waren die Rehe, die mich mit diesem typischen Blick ansahen, als hätten sie gerade eine wichtige Besprechung und keine Zeit für Katzen.
Da waren die Vögel, die jeden Morgen viel zu früh beschlossen, die gesamte Nachbarschaft zu wecken.
Und dann waren da die Kühe.
Riesige Tiere.
Mit riesigen Füßen.
Und diesen Glocken.
Liebe Kühe, falls ihr das hier lest:
Muss das sein?
Mitten in der Nacht?
Konnte man nicht einfach leise grasen?
Jedes Mal, wenn irgendwo eine Glocke läutete, sprang ich gefühlt einen halben Meter in die Luft.
Noch beeindruckender waren allerdings die Füchse.
Große Füchse.
Sehr große Füchse.
Zumindest erschienen sie mir riesig.
Sie schlichen lautlos durch die Dunkelheit und erinnerten mich regelmäßig daran, dass ich vielleicht doch nicht die unumstrittene Königin des Waldes war.
Deshalb hielt ich mich lieber bedeckt.
Man muss schließlich nicht jede Diskussion gewinnen.
Und dann gab es noch die eigentlichen Gewinner meines Abenteuers:
Die Zecken.
Während ich glaubte, eine mutige Entdeckerin zu sein, betrachteten sie mich offenbar als All-inclusive-Hotel.
Sie kamen aus allen Richtungen.
Kostenloses Buffet.
Rund um die Uhr geöffnet.
Rückblickend betrachtet waren die Zecken vermutlich die Einzigen, die sich über meinen Ausflug wirklich gefreut haben.
Die Tage vergingen.
Ich suchte Futter.
Ich suchte Wasser.
Ich suchte sichere Verstecke.
Und irgendwann begann ich etwas anderes zu suchen.
Meine Menschen.
Ich wusste natürlich nicht, dass sie jeden Tag nach mir Ausschau hielten.
Dass sie Flyer verteilten.
Nach mir riefen.
Immer wieder kamen.
Immer wieder hofften.
Immer wieder enttäuscht nach Hause fuhren.
Für mich fühlte es sich anders an.
Ich dachte, sie wären weitergezogen.
Der Bulli würde längst irgendwo am nächsten Abenteuerziel stehen.
Und ich wäre zurückgeblieben.
Allein.
Eine kleine Katze in einer viel zu großen Welt.
Manchmal hörte ich Stimmen.
Dann lauschte ich.
Manchmal hörte ich ein Auto.
Dann rannte ich los.
Vielleicht waren sie das.
Vielleicht kamen sie zurück.
Doch jedes Mal war da nur wieder Stille.
Und mein Herz wurde ein kleines bisschen schwerer.
Die Nächte wurden länger.
Der Regen kam.
Nicht dieser gemütliche Regen, den man durchs Fenster betrachtet.
Sondern der Regen, der bis auf die Haut geht.
Der Regen, bei dem selbst die Blätter keinen Schutz mehr bieten.
Ich saß unter Büschen.
Unter Ästen.
Unter allem, was halbwegs trocken aussah.
Und dachte an Zuhause.
An Näpfe.
An Decken.
An Menschen.
An Sicherheit.
Und vielleicht auch ein bisschen daran, dass ich die ganze Sache mit dem Ausbüxen hätte noch einmal überdenken sollen.
Irgendwann war ich nicht mehr die mutige Waldkönigin.
Ich war einfach nur müde.
Hungrig.
Und ich vermisste mein Zuhause.
Dann wurde ich gesehen.
Endlich.
Ein Mensch hatte mich entdeckt.
Doch ich war inzwischen Expertin im Verstecken.
Fast zwei Wochen Überlebenstraining machen vorsichtig.
Also verschwand ich wieder.
Eine weitere Nacht.
Eine weitere kalte Nacht.
Eine weitere Nacht voller Zweifel.
Am nächsten Tag versteckte ich mich unter dem Pfadiheim.
Dort begegnete ich einer Dame und ihrem Freund.
Sie redeten ruhig mit mir.
Sie hatten Futter.
Wundervolles.
Herrliches.
Unfassbar gutes Futter.
Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich selbstverständlich würdevoll blieb.
Zumindest die ersten drei Sekunden.
Danach war jede Würde verloren.
Nach fast zwei Wochen Hunger verschlang ich alles, was man mir hinstellte.
Und plötzlich fühlte ich mich zum ersten Mal wieder sicher.
Dann geschah etwas, das ich normalerweise niemals tun würde.
Ich stieg freiwillig in einen Transportkorb.
Ja.
Freiwillig.
Ihr dürft diesen Moment ruhig entsprechend würdigen.
Anschließend wurde ich in einem Zimmer untergebracht.
Geschlossene Tür.
Keine Abenteuer.
Keine Mäuse.
Kein Wald.
Keine Freiheit.
Und wisst ihr was?
Es war großartig.
Warm.
Trocken.
Sicher.
Mit Futter.
Vor allem mit Futter.
Dann ging die Tür auf.
Und da standen sie.
Meine Menschen.
Plötzlich war alles wieder da.
Die vertrauten Stimmen.
Die vertrauten Gerüche.
Die Erleichterung.
Sie hatten mich nicht verlassen.
Sie hatten mich nicht vergessen.
Sie hatten die ganze Zeit nach mir gesucht.
Jeden einzelnen Tag.
Und in diesem Moment wusste ich:
Das Abenteuer war vorbei.
Zeit nach Hause zu fahren.
Wieder in mein Bett.
Wieder an meinen Napf.
Wieder zu den Menschen, die niemals aufgehört hatten, an mich zu glauben.
Zuhause angekommen wurde ich empfangen, als hätte ich persönlich den Grand Canyon entdeckt und den Weltfrieden ausgehandelt.
Es gab Futter.
Noch mehr Futter.
Und sicherheitshalber noch etwas Futter.
Seit meiner Rückkehr sagen meine Menschen, ich sei irgendwie anders geworden.
Zutraulicher.
Verschmuster.
Anhänglicher.
Als würde ich ständig kontrollieren, ob wirklich alle noch da sind.
Ehrlich gesagt haben sie vermutlich recht.
Nach zwei Wochen Wald, Regen, Hunger, Kühen, Füchsen und Zecken weiß man plötzlich sehr genau, was einem wichtig ist.
Deshalb genieße ich jetzt jede Streicheleinheit ein bisschen mehr.
Jedes gemeinsame Einschlafen.
Jede ruhige Minute auf dem Sofa.
Und jedes Geräusch meiner Menschen in der Wohnung.
Denn heute beginnt für uns bereits das nächste Abenteuer.
Diesmal nicht allein.
Diesmal nicht im Wald.
Diesmal gemeinsam.
Heute ziehen wir in unser neues Zuhause.
Ein echtes Zuhause.
Für meine Menschen.
Für mich.
Für uns.
Und wenn mich diese zwei Wochen etwas gelehrt haben, dann dies:
Abenteuer sind schön.
Aber am schönsten sind die Menschen, mit denen man nach Hause kommt.
Eure Kloesschen
Ausreißerkönigin, Waldabenteurerin, Bulli-Flüchtling und inzwischen wieder Vollzeit-Sofakatze. ❤️🐾
Herrlich 🥰
🥰
Ach wie schön!! 🥰 freu mich sehr für euch und ich lese dein Wort zum Sonntag sooo gerne. Es ist immer sehr berührend!
Happy Sunday 🤩 alles Liebe & noch sonnige Grüße aus Sbg 😄
Es ist total schön zu wissen dass das alles auch von jemandem gelesen wird und auch das gefällt. Danke dafür.
Gerne ☺️
Es ist einfach wunderschön dass die Maus wieder da ist.
Jetzt wo ich schon wusste, dass Klösschen wohlbehalten wieder daheim ist konnte ich die rührende Abenteuer Geschichte lesen. Genauso kann ich mir den Ablauf der langen 2 Wochen vorstellen.
Gutes Ankommen im neuen Heim.