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WAS IST ZU LAUT

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WAS IST ZU LAUT? 

Jemand, der mir nahe steht, postete vor einiger Zeit ein Bild mit Eigenschaften zu verschiedenen Sternzeichen. Bei meinem stand: „laut“.

Ich war überrascht. Mein erster Gedanke: Das stimmt doch gar nicht.

Ich sprach die Person darauf an. Die Antwort: Ich sei kein lauter Mensch – aber mein Charakter habe „laute Eigenschaften“.

Ich habe es nicht verstanden.
Weder im ersten Moment noch im zweiten.

Und doch ließ mich der Gedanke nicht los.

Laut zu sein ist ja erstmal nichts Negatives. Oder doch?
Ich habe mich gefragt, was andere an mir als laut empfinden könnten. Seitdem spukt dieser Gedanke in meinem Kopf herum.

Ich gehöre sicher nicht zu den Menschen, die herumbrüllen oder laut reden. Aber langsam wird mir bewusst: Vielleicht ist etwas dran.

Denn mein Kopf ist laut.

Meine Gedanken ackern permanent. Wenn ich nachts aufwache – und das passiert regelmäßig – sind sie sofort da. Gedankensprünge. To-do-Listen. Erinnerungen. Szenarien. Es dreht sich, es ist intensiv, es lässt mich nicht wirklich zur Ruhe kommen. Augen auf – zack, da ist es.

Das muss nicht zwangsläufig negativ sein. Positive Gedanken können genauso laut sein – und manchmal sogar angenehm. Trotzdem verträgt selbst das Schöne hin und wieder eine Pause.

Aber es kann auch an die Substanz gehen.

Ich denke zurück an Zeiten, in denen ich unzählige Projekte gleichzeitig hatte. Immer noch eins. Und noch eins. Und noch ein Erfolg mehr, um dieses Gefühl zu halten: gebraucht zu werden, erfolgreich zu sein, einen Platz zu haben. Immer der innere Drang, noch einen draufzusetzen. Noch besser zu sein.

Dass mich das körperlich an meine Grenzen gebracht hat, wollte ich damals nicht sehen.

Heute arbeite ich deutlich weniger. Für meine Verhältnisse sogar gemäßigt. Es geht mir gesundheitlich relativ gut. Mein Leben ist in Ordnung.

Aber bin ich deswegen ruhiger?

Nein.

Vielleicht bin ich innerlich sogar lauter als je zuvor.

Seit Monaten hatte ich die Kamera kaum noch in der Hand. Wenn ich unterwegs war, griff ich zum Handy. Solche Phasen gab es schon öfter – das ist nicht dramatisch. Aber ich merke, dass mir etwas fehlt.

Fotografie war immer mehr als Technik. Es war Ausdruck. In meinen Bildern steckt viel von mir – von meiner Stimmung, meiner Haltung, meinem Blick auf die Welt. Wer mich kennt, kann es vielleicht sogar an der Art der Bearbeitung erkennen.

Fotografie ist Malen mit Licht.

Schreiben ist ein weiterer Ausdruck. Eine Möglichkeit, das rauszulassen, was in mir brodelt. Und doch ist mein letzter Blog lange her.

In den letzten Wochen war es in mir unglaublich laut. Aber ich konnte es nicht greifen. Nicht einordnen. Und deshalb auch nicht umsetzen.

Man kann Gefühle nicht immer benennen. Aber ich kann sagen:
Ich komme innerlich nicht zur Ruhe.

Mein Kopf arbeitet permanent, ohne Richtung. Ohne Fokus. Ohne Ziel. Es ist Energie – aber sie verpufft. Ein inneres Hin-und-her-Rennen, ohne zu wissen wohin.

Und ziellos zu sein war noch nie etwas, womit ich gut umgehen konnte.

Vielleicht werde ich nach außen hin ruhiger. Aber innerlich schreit es.

Ich brauche einen Ausgleich. Einen Kompensator. Ein Projekt. Etwas, auf das ich hinarbeiten kann. Reisen. Schreiben. Fotografie. Ich weiß noch nicht was.

Und keine Sorge – ich denke nicht daran, in alte Muster zu verfallen. Es geht nicht um Überforderung. Es geht um Kanalisation.

Ich möchte die Lautstärke lenken.

Vielleicht hat die Person es ganz anders gemeint. Vielleicht interpretiere ich zu viel hinein. Das kann ich bei Gelegenheit ja noch herausfinden.

Aber was ich weiß – und das klingt vielleicht negativer als es ist – es gibt Momente, in denen ich nicht laut sein möchte.

Ich möchte lernen, leiser zu werden.
Richtig leise.
Und manchmal vielleicht sogar still.

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