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Der Moment wo man sich fragt

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MANCHMAL MUSS ES RAUS …

Der Moment, in dem man sich fragt,
was in dieser Gesellschaft eigentlich noch richtig läuft.

Vor mittlerweile 20 Jahren – ja, Hilfe, ich werde alt – habe ich begonnen, ehrenamtlich bei der Ulmer Aids Hilfe zu arbeiten.

Der Grund war simpel: meine eigene Unzulänglichkeit.

In meinem Freundeskreis gab es einen HIV-infizierten Mann.
Und ich musste feststellen, dass ich Vorurteile hatte. Dass mir Wissen fehlte. Dass ich unsicher war.

Ich wollte das ändern.

Für mich.
Und vielleicht auch für andere.

Viele Jahre habe ich aufgeklärt, Gespräche geführt, versucht, Denkanstöße zu geben. Irgendwann wurde das Thema für mich „normal“. Nicht unwichtig – aber selbstverständlich.

Für mich war immer klar:
Wenn jemand HIV-positiv ist, dann betrifft das zuerst ihn selbst.
Das Umfeld muss lernen, damit umzugehen.

Ein offener, normaler Umgang war – in meiner Erfahrung – für beide Seiten der angenehmste Weg.

Ich wollte nie einen Menschen auf einen Virus reduzieren.

Ja, HIV ist ein Teil eines Menschen.
Aber es definiert ihn nicht.

So wie mein „kleiner Russe“ mich nicht definiert.
Ich möchte auch nicht in Watte gepackt oder auf eine Diagnose reduziert werden.


Und trotzdem merke ich heute – 20 Jahre später –
wir sind gesellschaftlich kaum weiter.

Und das macht mich wütend.

Als ich las:

„Die Deutsche AIDS-Hilfe gratuliert Conchita Wurst zu ihrem selbstbewussten HIV-positiven Coming-out.“

… blieb ich hängen.

Gratuliert?

Versteht mich nicht falsch – ich habe größten Respekt vor dem Schritt von Conchita Wurst (alias Tom Neuwirth).
Er hat sich nicht freiwillig entschieden, dieses Thema öffentlich zu machen, weil es sich so gut anfühlt.
Er tat es, weil er sich nicht erpressen lassen wollte.

Das ist Mut.

Aber „gratulieren“?

HIV ist etwas Privates.
Etwas, das Menschen denjenigen mitteilen, denen sie vertrauen.
Oder potenziellen Partnern.
Und sonst?
Geht es niemanden etwas an.

Vielleicht wäre „Respekt“ das passendere Wort gewesen.

Respekt dafür, dass er sich nicht einschüchtern ließ.
Respekt dafür, dass er Intimes öffentlich machte, um sich selbst die Kontrolle zurückzuholen.
Respekt dafür, dass er klar sagte, niemand habe das Recht, ihm Angst zu machen.

Natürlich verstehe ich auch die andere Seite:
HIV bekommt weniger Aufmerksamkeit.
Die Arbeit der Aids-Hilfen ist nach wie vor wichtig.
Sichtbarkeit hilft.

Aber die Wortwahl entscheidet über Haltung.


Am Ende bleibt eine größere Frage:

Wie frei ist eine Gesellschaft,
in der Menschen mit HIV erpressbar sind?

Und die ehrliche Antwort ist unbequem.

Solange HIV noch als Stigma gilt,
solange Angst stärker ist als Wissen,
solange wir flüstern statt offen sprechen,
solange bleibt Erpressung ein Druckmittel.

Man kann den Ex verurteilen.
Man kann sich empören.
Aber das Problem liegt tiefer.

Diese Gesellschaft – das sind wir.
Du. Ich. Unser Umgang. Unsere Sprache.

Vielleicht müssen wir uns selbst fragen:

Würde eine HIV-Diagnose in meinem Umfeld wirklich „normal“ behandelt?
Oder würde sie doch etwas verändern?

Und wenn ja – warum?

Manchmal muss es raus.

Passt gut auf Euch auf.
Sandra

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