Sandra
WENN AUF EINMAL ALLES ANDERS IST
und man seinen Weg finden muss, mit Situationen umzugehen.
„Um zu wissen, muss man wissen, was man will,
aber auch, wo unser Nichtwissen, unsere latenten Ängste,
unsere unbewussten Wünsche zu verorten sind.“
– Georges Didi-Huberman –
Als ich heute Morgen aufgewacht bin, regnete es.
Ich liebe das. Mein Bett steht direkt unter dem Fenster zum Balkon, und selbst bei geschlossenem Fenster höre ich jeden Tropfen. Vielleicht ein wenig melancholisch – aber es hat etwas Reinigendes. Eine stille Ruhe, die ich sehr genieße.
Ich habe die dritte Woche Quarantäne hinter mir. Totale soziale Distanz.
Ich verlasse das Haus weniger als einmal pro Woche – und dann nur, um den Kühlschrank zu füllen. Keine Spaziergänge. Keine Ausflüge. Keine Treffen.
Ich spreche wenig. Mit wem auch?
Meine Katze genießt meine permanente Anwesenheit – ist aber eher wortkarg. Ausnahmen sind ein paar Telefonate mit Herzensmenschen. Wenige, wegen des Zeitunterschieds. Und vielleicht auch, weil gerade jeder in seinem eigenen Hamsterrad läuft.
Die letzten Wochen waren geprägt von einer Lethargie, die mit einem schlechten Gewissen einherging. Plötzlich war sie da, die Zeit. Für all die Dinge, die man „schon immer mal“ tun wollte. Aber ich konnte nicht.
Mir fehlte der Elan.
Mir fehlte die innere Freiheit.
Mir fehlte sogar die Ruhe, etwas aufs Papier zu bringen.
Früher habe ich mich in schwierigen Zeiten selbst gerettet, indem ich die Flucht nach vorn antrat. Arbeit. Projekte. Kreativität. Ich habe mich festgehalten an dem, was ich erschaffen konnte.
Nun hatte ich Zeit – aber keine Bühne. Keine Events. Keine Bilder. Keine neuen Projekte. Und zusätzlich war da dieses Gefühl, in einem Land zu sein, das mir selbst nach über einem Jahr nicht vollkommen vertraut war. Sorgen um Job, um finanzielle Sicherheit, um die Zukunft. Und dann auch noch eine private Veränderung, die erst verstanden und verarbeitet werden musste.
Dieser Blog bin ich – in guten wie in schlechten Zeiten. Aber ich konnte nichts schreiben, was an dem vorbeigeht, was in mir los war. Und genau das konnte ich lange weder greifen noch sortieren.
Also arbeitete ich im Homeoffice.
Und danach betäubte ich meine Gedanken mit Serienmarathons.
Und danach verlor ich mich in sozialen Medien.
Dort las ich Meinungen, die ich weder nachvollziehen noch gutheißen konnte. Ich rebellierte. Kommentierte. Bekam Shitstorms. Wurde als dumm und ungebildet bezeichnet. Menschen, die mich nie gesehen hatten, erklärten mir, dass auch mein Tag noch kommen würde – der Tag, an dem ich endlich „verstehe, was wirklich geschieht“.
Es ist erstaunlich, wie schnell versucht wird, jemanden mundtot zu machen, nur weil er nicht ins Schema passt.
Diese Diskussionen sind kraftraubend. Ein Drahtseilakt.
Ist es nicht wichtig, seine Meinung zu sagen, wenn viele schweigen?
Oder habe ich nicht auch das Recht, meine Energie sinnvoller einzusetzen?
Ich glaube weiterhin, dass es wichtig ist, für sich einzustehen.
Aber ich habe keine Lust mehr, mich dafür beleidigen zu lassen.
Ich habe Seiten gelöscht. Kommentare gemieden. Ich möchte keine braunen Parolen mehr lesen. Keine Diskussionen darüber, welches Kind „wichtiger“ ist. Keine selbsternannten Virologen, die in einer beispiellosen Situation absolute Wahrheiten verkünden. Keine Vergleiche, keine Verschwörungstheorien, keine egozentrischen Freiheitsparolen von Menschen, die selbst zur Risikogruppe gehören.
Seit ich in den USA bin, habe ich kein deutsches Fernsehen mehr. Ich habe mich abgeschirmt – und vermisse es nicht.
Und genauso werde ich es nun handhaben.
Am Ende des Tages wird keine dieser Online-Diskussionen die Welt entscheidend verändern. Aber sie verändern mich. Und nicht zum Guten.
Soll ich euch sagen, wie ich die Dinge sehe?
Ich bin dankbar.
Unendlich dankbar.
Ich sitze in meinem Sessel in meinem Apartment und kann schreiben. Ich bin gesund – so gut es eben geht, auch mit Morbus Bechterew. Ich habe einen Arbeitgeber, der mir Homeoffice ermöglicht und versucht, meinen Job zu sichern, auch wenn finanzielle Einbußen dazugehören. Das war ein Schock – aber es ist ein fairer.
Ich wollte im Juni nach Deutschland reisen. Das wird nicht passieren. Es ist hart, Menschen so lange nicht in den Arm nehmen zu können. Aber was ist dieses Warten im Vergleich zu dem, was ohne Maßnahmen passieren könnte?
Natürlich sorge ich mich. Um Freunde im medizinischen Bereich. Um Menschen, deren Existenz gerade zerbricht. Um Künstler, Gastronomen, Selbstständige.
Ich sehe das alles.
Aber ich kann entweder daran zerbrechen – oder meinen Fokus verschieben.
Viele fragen, ob in all dem auch eine Chance liegt. Vielleicht liegt sie genau darin. Ob sich die Gesellschaft verändert? Ich hoffe es. Aber ich fürchte, nicht grundlegend. Zeiten wie diese machen gute Menschen besser – und schlechte eben noch deutlicher sichtbar.
Man sagte, diese Zeit entschleunigt. Mir ist das anfangs nicht gelungen. Mein Körper vielleicht. Meine Gedanken nicht. Sie rasten.
Ich weiß nicht, was den Wendepunkt gebracht hat – aber inzwischen bin ich ruhiger. Offen für das, was kommt. Auch mit dem Wissen, dass es noch schwerer werden kann.
Ich muss meine Gedanken nicht mehr betäuben.
Ich kann sie wieder lenken.
Ein altes Konzertvideo tauchte diese Woche in meinem Feed auf. Ich spürte Gänsehaut – und wurde daran erinnert, wie reich mein Leben war und ist. Ein Paket aus Deutschland kam an. Darin Hagebuttentee. Hier kaum zu bekommen. Mit Pfefferminztee und einem Spritzer Zitrone – und plötzlich sitze ich gedanklich wieder am Tisch meiner Oma. Solche Erinnerungen tragen.
Vielleicht ist es gerade nicht die Zeit für große Projekte.
Vielleicht ist es die Zeit für Stille.
Für Dankbarkeit.
Für Klarheit.
Für das Bewusstsein, was – und wer – wirklich wichtig ist.
Meine Gedanken sind bei denen, denen wirklich der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Die verlieren, die kämpfen, die trauern.
Und dem Rest möchte ich nur sagen:
Vielleicht einfach mal durchatmen. Nicht alles kommentieren. Nicht alles wissen wollen. Und dankbar sein, wenn es einem gut geht.
Passt gut auf euch auf.
Sandra