Tag 1 – Gotthardpass. Höhenluft & erste Liebesgefühle
Die Olympischen Spiele in Marseille sind eigentlich der Anlass. Tickets für die deutsche Damen-Nationalmannschaft im Fußball – gesichert. Nachdem ich schon bei Europa- und Weltmeisterschaft war, ist Olympia im Prinzip nur die logische Fortsetzung meiner persönlichen Stadion-Karriere.
Aber einfach hinfahren? Nein.
Natürlich wird daraus ein mehrwöchiger Roadtrip.
Erster Stopp: der Gotthardpass in der Schweiz. Einer dieser Orte, die man sonst nur aus Dokumentationen kennt. Serpentinen, Stein, Weite. Der Pass liegt auf rund 2.100 Metern Höhe und verbindet seit Jahrhunderten Nord und Süd – früher Handelsroute, heute Freiheitsroute für Menschen wie mich, die plötzlich beschlossen haben, „einfach mal loszufahren“.
Ich parke oben. Unter einem riesigen Windrad. Und beschließe: Hier schlafe ich.
Mitten in der Nacht. Wind, der am Auto rüttelt. Absolute Stille dazwischen.
Am Morgen öffne ich die Tür – und da ist nichts außer Berg. Und Himmel. Und dieses Gefühl, dass ich genau richtig bin.
Ich bin noch nicht mal richtig unterwegs – und schon verliebt.
Tag 2 – Gelmersee & die steilste Mutprobe meines Lebens
Weiter geht’s zum Gelmersee. Und schon die Anreise ist ein kleines Abenteuer. Man kommt dort nämlich nicht einfach gemütlich mit dem Auto hin. Nein, man fährt mit der steilsten offenen Standseilbahn Europas.
Neigung bis zu 106 Prozent.
Ich wiederhole: 106 Prozent.
Man sitzt da, schaut nach unten, versucht lässig zu wirken – und denkt innerlich: „Warum tue ich mir das an?“ Aber oben angekommen wartet ein See in einem Türkis, das Photoshop neidisch macht.
Der Gelmersee liegt auf rund 1.850 Metern Höhe, eingerahmt von Felsen und Gletscherwasser. Kalt. Klar. Unfassbar schön. Ich laufe ein Stück um den See, atme tief durch und merke: Der Alltag ist sehr, sehr weit weg.
Und genau dafür mache ich das.
Tag 3 – Steingletscher. Eintritt für die Seele.
Heute lande ich an einem Ort, der mich wirklich berührt. Gebiet rund um den Steingletscher. Man zahlt Eintritt, darf dafür aber frei stehen – kein klassischer Campingplatz, eher Natur mit Regeln. Und das ist gut so.
Der Gletscher liegt auf über 1.800 Metern Höhe. Eis, Fels, Weite. Keine Menschenmassen. Kein Lärm. Nur Wind und das leise Knacken von Eis in der Ferne.
Ich sitze vor dem Auto, trinke Kaffee und starre einfach nur.
Es gibt nichts zu tun. Und genau das ist der Luxus.
Manchmal sind es nicht die spektakulären Dinge. Sondern die Orte, an denen man merkt, wie klein man ist – und wie gut sich das anfühlt.
Tag 4 – Frankreich & die Route des Grandes Alpes: Kurve für Kurve Richtung Süden
Heute überquere ich die Grenze nach Frankreich. Und damit beginnt offiziell die Route des Grandes Alpes – eine der berühmtesten Passstraßen Europas. Rund 700 Kilometer von Thonon-les-Bains am Genfer See bis Menton an der Côte d’Azur. 17 hohe Pässe. Unzählige Kurven. Und sehr viel „Wow“.
Ich stehe auf dem Col de l’Iseran.
Mit 2.770 Metern der höchste befahrbare Pass der Alpen. Und ja, es ist kalt. 5 Grad. Wind. Meine Uhr meldet sich ernsthaft mit einem Hinweis, mein CO₂-Tracking im Auge zu behalten. Danke Apple, ich stehe hier oben und friere, aber schön, dass wir über Emissionen sprechen.
Die Route ist anspruchsvoll. Enge Straßen, Serpentinen, wechselndes Wetter. Aber sie ist auch spektakulär. Jeder Pass fühlt sich wie ein kleines Ziel an. Und dann kommt der nächste.
Es ist diese Mischung aus Konzentration und Euphorie.
Man fährt nicht einfach nur. Man erlebt jeden Kilometer.
Und ich merke langsam: Diese Reise wird mehr als nur ein Weg nach Marseille.
Tag 5 – Schräglage, Regenromantik & Raclette mit Waffenschein
Je näher ich dem Süden komme, desto komplizierter wird das Thema Freistehen. In manchen Regionen drohen Strafen bis zu 1.500 Euro. 1.500. Für eine Nacht mit Aussicht. Das sorgt für einen gewissen Puls beim Einschlafen.
Also parke ich gestern etwas versteckt oberhalb von Bonneval-sur-Arc. Wunderschön. Direkt am Hang. Und erst als ich im Bett liege, merke ich: Das Auto steht nicht „leicht“, sondern „merklich“ schief. Ich rutsche langsam zur Seite. Romantisch ist anders.
Am Morgen dann Regen. Und trotzdem ist Bonneval-sur-Arc ein kleines Juwel. Natursteinhäuser, schmale Gassen, dieses alpine Postkarten-Gefühl. Nicht umsonst zählt es zu den schönsten Dörfern Frankreichs. Mit einem noch warmen Baguette in der Hand starte ich in den Tag. Regen hin oder her – es ist wunderschön.
Am Abend lande ich eher zufällig im Hotel „Le Génépi“ in Beuil. Von außen unscheinbar. Zimmer solide. Erwartung: Duschen, schlafen, fertig.
Und dann gehe ich doch runter ins Restaurant.
Und dann kommt Raclette. Mit echter Grillkohle auf dem Tisch. Käse, der fließt wie flüssiges Glück. Und diese Trüffelmayonnaise – sie hätte wirklich einen Waffenschein gebraucht. Brutal gut. Ich sitze da, allein, grinse wie ein Honigkuchenpferd und denke: Genau deshalb liebe ich Roadtrips. Wegen solcher Überraschungen.
Tag 6 – Moustiers-Sainte-Marie & erste Blicke in die Verdon
Heute komme ich dem Süden deutlich näher. Und mit ihm dieser leichte Temperaturanstieg, der ankündigt: Bald ist Mittelmeer.
Moustiers-Sainte-Marie liegt eingebettet zwischen Felsen, mit einer goldenen Sternkette, die hoch über dem Ort gespannt ist. Angeblich eine der schönsten Städte Frankreichs. Ich kann das nur bestätigen. Traumhaft schön. Fast kitschig. Aber eben genau richtig kitschig.
Hier und da blitzt bereits die Verdonschlucht durch – diese gewaltige Schlucht mit türkisfarbenem Wasser, die als „Grand Canyon Europas“ gilt. Morgen werde ich sie umrunden.
Abends wieder ein kleines Dorfhotel. Die Hausherren kochen Bio, regional, typisch für die Gegend. Es gibt Schaf- und Ziegenkäse. Beides nicht meine erste Wahl im Restaurant. Aber ich probiere. Und es ist gut. Überraschend gut. Nur die Ziege bleibt nicht mein bester Freund.
Den Abend lasse ich mit einem netten belgischen Paar ausklingen. Gespräche über Reisen, Unterschiede, Perspektiven. Und ich merke: Diese Reise ist nicht nur Landschaft. Sie ist Begegnung.
Tag 7 – Route des Crêtes & die Schönheit der Schlucht
Heute geht es auf die Route des Crêtes – eine Panoramastraße hoch über der Verdonschlucht. Und diese Schlucht ist einfach… gewaltig. Bis zu 700 Meter tief. Türkisfarbenes Wasser unten. Felsen, die aussehen, als hätte jemand sie mit roher Kraft aus der Erde gerissen.
Ich halte ständig an. Mache Fotos. Starre. Und irgendwann merke ich: Ich werde ruhiger. Vielleicht ist es die Müdigkeit. Vielleicht einfach die Entspannung, die langsam einzieht.
Am Nachmittag fahre ich zurück ins Hotel. Kein Drang, noch mehr zu sehen. Manchmal reicht es, das Gesehene wirken zu lassen.
Morgen wird sportlich. Sehr sportlich.
Tag 8 – Kajak bei 37 Grad & Ankunft in Marseille
Heute sollte es sportlich werden. Und das wurde es. Kajak in der Verdonschlucht. Bei 37 Grad.
Schon das Aufpumpen des Kajaks fühlte sich an wie ein kleines Fitnessprogramm. Danach paddeln. Gegenströmung. Sonne. Hitze. Ich wollte das unbedingt – und habe es auch geschafft. Häkchen an die Bucketlist.
Aber ich gebe zu: Ich habe es vielleicht ein bisschen übertrieben. Kurzzeitig war mir nicht ganz so gut. Der Körper sagt irgendwann: „Danke, reicht.“
Danach ging es endlich nach Marseille. Die Ankunft war etwas holprig. Nicht alles lief wie geplant. Parkplatzsuche, Verkehr, Navigationsdrama. Aber dann stand ich in meinem Loft.
Und dieses Loft ist wirklich ein Traum.
Marseille, bitte verzaubere mich.
Tag 9 – Olympia-Magie & Marseille-Realität
Heute war es soweit: Erstes Spiel der deutschen Damen-Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen.
Ich war schon bei Europa- und Weltmeisterschaft. Aber Olympia ist anders. Größer. Globaler. Emotionaler. Die Sicherheitskontrollen sind streng. 2,5 Stunden vorher da sein? Ja, ernsthaft.
Aber sobald die Hymne läuft, ist alles egal. Gänsehaut. Stadion-Atmosphäre. Diese Mischung aus Spannung und Stolz.
Auf dem Rückweg nehme ich Uber. Der Fahrer spricht perfektes Englisch, hat in New York gelebt. Wir kommen ins Gespräch. Er erklärt mir, dass ich im Brennpunkt von Marseille wohne. Polizeipräsenz. Konflikte. Kriminalität.
Marseille gilt als eine der gefährlichsten Städte Europas. Aber er beruhigt mich: Touristen sind nicht das Ziel. Die Gewalt spielt sich zwischen Gruppen ab.
Ich fühle mich nicht unsicher. Nur informiert. Und irgendwie mag ich diese ehrliche, raue Seite der Stadt.
Tag 10 – Calanques, gesperrte Straßen & Plan B mit Meerblick
Ich wollte unbedingt in den Nationalpark Calanques. Kalksteinbuchten, türkisfarbenes Wasser, spektakuläre Küsten.
Realität: Zufahrten gesperrt. Parkplätze überfüllt. Innenstadt dicht.
Also Plan B. Ich kaufe mir etwas Leckeres zu essen und fahre zurück ins Loft. Große Leinwand. Eröffnungsfeier im Fernsehen.
Manchmal ist Rückzug kein Scheitern, sondern Selbstfürsorge.
Tag 11 – Niederlage, Nachtfahrt & Heimkehr
Zweites Spiel der deutschen Damen. Wir verlieren. Aber es war intensiv. Emotional. Und ich bin dankbar, dabei gewesen zu sein.
Danach zurück ins Loft. 35 Grad tagsüber. Bahnprobleme nach einem Anschlag. Ferienbeginn. Und plötzlich dieser Gedanke: Warum nicht jetzt fahren?
Also packe ich. Und fahre in der Nacht los.
Stunden auf der Autobahn. Müdigkeit. Musik. Gedanken. Und mittags stehe ich zuhause.
Erschöpft. Glücklich. Und unglaublich dankbar.
Drei Wochen zwischen Gletscher und Mittelmeer. Zwischen Einsamkeit und Olympiastadion. Zwischen Raclette und Kajak-Übermut.
Es hat mich beeindruckt. Geerdet. Und wieder ein Stück näher zu mir selbst gebracht.
Und während ich das alles noch sortiere, wartet schon das nächste Abenteuer. ❤️














































































































































































