Sandra
Viel zu viele Eindrücke… an nur einem Wochenende.
USA – Teil 12
Hunting Island
Meinen kleinen Ausflug nach South Carolina, genauer gesagt nach Hunting Island, hatte ich schon vor einiger Zeit geplant. Freunde hatten mir von dieser Halbinsel vorgeschwärmt – wie schön sie sei, wie besonders. Also musste ich es selbst sehen.
Bei einer Fahrzeit von fünf bis sechs Stunden war klar: Das lohnt sich nur mit verlängertem Wochenende. Wie passend, dass Labor Day vor der Tür stand.
Also fuhr ich am Samstag los. Seit Tagen wurde über Hurrikan Dorian berichtet, aber ehrlich gesagt machte ich mir keine großen Gedanken. Vielleicht leichtsinnig – aber ich verlasse mich gern auf Wissenschaft und Prognosen. Es hieß, Dorian würde frühestens Montag oder Dienstag auf Florida treffen. Und Florida war nicht mein Ziel.
Erst bei der Ankunft im Hotel wurde ich stutzig. Die Dame an der Rezeption fragte mich, was ich „wegen des Sturms“ geplant hätte. Ich verstand die Frage zunächst nicht. Was sollte ich planen? Sie erzählte, dass beim letzten Sturm viele Gäste vorzeitig abgereist seien. Auf meine Nachfrage grinste sie nur:
„Ach, vielleicht regnet es ein bisschen.“
Beruhigend.
Bis ich abends die Nachrichten sah: Dorian könnte doch Richtung South Carolina abdrehen. Ups.
Immerhin bewegte er sich sehr langsam. Man rechnete hier oben nicht vor Dienstag oder Mittwoch mit ihm. Bis dahin wollte ich längst wieder im schönen Atlanta sein. Auch wenn für Georgia bereits der Notstand ausgerufen wurde – ich ging davon aus, dass damit eher der Süden gemeint war.
Ich beschloss, am nächsten Morgen sehr früh zurückzufahren. Nicht aus Angst vor dem Hurrikan, sondern weil ich meine kleine Prinzessin vermisste – und weil ich mit Staus rechnete. Viele wollten gen Norden fliehen. Als ich sah, wie Bretter vor Fenstern vernagelt und Sandsäcke vor Türen gestapelt wurden, wurde mir klar, dass das alles sehr ernst ist.
Und trotzdem – fast mit schlechtem Gewissen – genoss ich jede Minute hier.
Der Tipp mit Hunting Island war ein Volltreffer.
Schon die Zufahrt durch das Gate des State Parks war beeindruckend. Man zahlt Eintritt – und fährt direkt in eine Art Dschungel. Palmen, üppige Vegetation, dieses subtropische Gefühl, das South Carolina mit Florida teilt. Bunte Häuser, salzige Luft, karibische Anmutung.
Aber diese Insel… wow.
Ein wilder, dichter Mix aus Palmen, knorrigen Bäumen und Pflanzen, alles so belassen, wie die Natur es geformt hat. Wenn eine Palme am Strand umknickt, bleibt sie liegen. Nichts wird aufgeräumt. Es wirkt bizarr – und wunderschön zugleich.
Ich war früh dort. Genau richtig. Der Strand war fast leer, ein leichter Nebel lag in der Luft und verlieh allem eine mystische Stimmung. Ich weiß nicht, ob die Wellen hier immer so sind oder ob Dorian bereits Einfluss nahm – aber sie waren beeindruckend. Kraftvoll. Laut. Atemberaubend.
Das sind die Momente, die mich wirklich zu Tränen rühren. Weil ich so dankbar bin, das erleben zu dürfen. Es gab Zeiten in meinem Leben, in denen das nicht selbstverständlich war.
Ich lief stundenlang am Strand entlang. Immer neue Perspektiven, neue Details. Später kamen Surfer dazu – kleine schwarze Silhouetten in den hohen Wellen.
Auf dem Rückweg lernte ich eine Lektion in Sachen Gezeiten: Der Strand, auf dem ich zuvor entspannt entlanggelaufen war, war plötzlich verschwunden. Ebbe und Flut sollte man eben auch hier ernst nehmen.
Ende vom Lied: nass bis zum Bauchnabel. Aber ehrlich gesagt – halb so wild.
Als es zu regnen begann, fuhr ich zurück ins Hotel. Ein paar Besorgungen, dann noch in den Fitnessraum. Laufband. Da war ja noch diese Firmen-Challenge.
Am Abend wollte ich unbedingt noch einmal zur Insel.
Und hier kommt mein Denkfehler: Ich war überzeugt, dass der Sonnenuntergang spektakuläre Bilder liefern würde. Tja. Man sollte Geografie nicht unterschätzen. Hunting Island ist deutlich besser für Sonnenaufgänge geeignet. Hätte ich das morgens genauer reflektiert, wäre es mir aufgefallen.
Davon abgesehen war das Wetter ohnehin nicht ideal. Der Wind hatte deutlich zugenommen. Statt einzelner „Puffwolken“ hing eine geschlossene Wolkendecke über dem Meer. Die Brandung war heftig.
Und trotzdem stand ich dort. Mit Musik auf den Ohren. Im Wind. Am Strand.
Es war nicht perfekt. Aber es war echt.
Und während ich die Bilder im Fernsehen sehe und überlege, ob ich morgen früh noch einmal hinfahren sollte, weiß ich doch: Dieser Ort hat sich gelohnt. Ganz egal, was der Sturm noch bringt.
Anyway – eine Sache möchte ich noch erzählen. Denn ich habe dort etwas gesehen …
Diese Käfige stehen überall am Strand verteilt.
Auf den ersten Blick wirken sie fast unscheinbar – einfache Drahtkonstruktionen im Sand. Und doch schützen sie etwas Unglaubliches: Schildkrötennester. Darunter liegen Eier, sorgsam bewacht vor Raubtieren und neugierigen Strandbesuchern.
Es ist faszinierend, so nah an diesem Kreislauf zu stehen. Zu wissen, dass unter meinen Füßen neues Leben heranwächst. Das Schlüpfen selbst konnte ich natürlich nicht beobachten. Die Insel wird nachts geschlossen – und die kleinen entscheiden sich ausgerechnet für die kühleren Nachtstunden, um ihren Weg ins Meer anzutreten. Vielleicht auch besser so. Manche Momente gehören ihnen allein.
Übrigens ein sehr interessanter Artikel darüber findet ihr hier: zum Artikel
So endet also mein September-Trip nach Hunting Island.
Mit Sturmwarnungen im Hintergrund, mit salziger Haut, nassen Shorts und einer tiefen Dankbarkeit im Herzen. Ich bin gespannt, was als Nächstes kommt. Im Moment bin ich – aus vielerlei Gründen – offen für alles.
Passt gut auf euch auf.
Sandra