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USA TEIL 9

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Manchmal sollte man Dinge hinterfragen…

USA – Teil 9

Manchmal sollte man Dinge hinterfragen

Wer mich ein wenig kennt, weiß, dass ich das ständig tue.
Ich hinterfrage mein Umfeld. Politik. Gesellschaft. Und vor allem mich selbst.

Es gibt Menschen, die mich lange genug kennen, um sich ein Urteil über meinen Lebensweg erlauben zu dürfen. Einige von ihnen sagen, er sei nicht der leichteste gewesen. Ich selbst habe das vermutlich nur in schwachen Momenten so gesehen. Vielleicht, weil wir an unserem Weg wachsen.

Jemand, der mir nahe steht, sagte einmal:
Nur Menschen mit harten Geschichten verstehen sich wirklich.

Vielleicht hat sie recht.

Warum ich darüber nachdenke?
Weil ich ein Wochenende hatte, das mich bewegt hat. Ich war auf einer Podiumsdiskussion zum Thema „50 Jahre Stonewall“. Menschen erzählten ihre Geschichten. Von Entdeckung. Vom Outing. Vom Leben. Vom Überleben.

Wenn man – wie ich – seit Jahrzehnten geoutet ist, denkt man im Alltag nicht ständig darüber nach. Bis zu diesem Moment.

Plötzlich waren sie wieder da, meine Gedanken. Mein Weg. Meine Erfahrungen. Und ja – es gab Situationen, in denen es eng war. Aber keine Geschichte ist vergleichbar. Jeder schreibt seine eigene.

Ich bin in der ehemaligen DDR geboren und aufgewachsen.
Ich habe mich zum ersten Mal in der Grundschule verliebt. Und meinen ersten Kuss bekam ich – von einer Frau.

Damals sprach man darüber nicht. Es gab keine Begriffe, keine Sichtbarkeit, keinen Raum. Was ich fühlte, „gab es“ schlicht nicht. Und natürlich habe ich mich gefragt, was mit mir nicht stimmt.

Ich wuchs in einer kleinen Stadt auf. Fehler verbreiteten sich schneller als Gerüchte. Durch eine schwierige Familiensituation wusste ich schon früh: Ich wollte nicht noch mehr im Fokus stehen.

Meine erste Freundin hatte ich mit 14.
Alles heimlich.

Mit 16 ging ich von Sachsen nach Ulm – 750 Kilometer weg von „zu Hause“. Ein anderes Leben. Eine größere Stadt. Mehr Menschen. Und plötzlich Zugang zur Community.

Über eine Kollegin kam ich zur Aids-Hilfe, später zu einem Infostand bei einer schwul-lesbischen Party. Dieser Abend war eine Offenbarung. So viele Menschen. So viele Gemeinsamkeiten. Ich war nicht mehr allein. Vielleicht weniger „abnormal“, als ich dachte.

Ich hatte Glück. In vielen Phasen meines Lebens waren Menschen um mich, die mich akzeptierten.

Aber es gab auch die anderen.

Menschen, die sagten, es sei nur eine Phase.
Ich verlor einen Job, als mein Outing bekannt wurde.
„Freunde“ wandten sich ab – aus der absurden Annahme, ich müsse ja automatisch auf jede Frau stehen.

Vielleicht begreife ich erst heute, wie verletzend selbst solche scheinbar kleinen Bemerkungen sind. Sie sagen: Du bist nicht in Ordnung, wie du bist.

Und diese Ablehnung endet nicht im Schlafzimmer. Sie greift tiefer.

Ich war immer eine Großklappe. Habe mich verteidigt. Schnell. Laut.
Aber das heißt nicht, dass ich innerlich nicht getroffen war.

Ich bin anders als der gesellschaftliche Durchschnitt. Ja.
Aber anders heißt nicht falsch.

Und bis man das wirklich verinnerlicht, vergehen Jahre.

Wie oft wurde ich aus öffentlichen Toiletten oder Umkleidekabinen verwiesen mit dem Satz: „Hast du dich verlaufen?“ Nein, habe ich nicht.

Warum darf ich als Frau nicht so aussehen, wie ich möchte?
Wer hat festgelegt, dass Make-up, lange Haare und Kleid Pflicht sind?

Bin ich weniger Frau wegen meines Erscheinungsbildes?

Diese Form der Diskriminierung begegnet mir bis heute.
An guten Tagen lächle ich sie weg.
An schlechten treffen sie mich wie beim ersten Mal.

Und ja – ich bin müde geworden. Müde, für Respekt kämpfen zu müssen. Nicht nur für Akzeptanz, sondern für Selbstverständlichkeit.

Denn ich bin gut, wie ich bin.

Und jetzt lehne ich mich weit aus dem Fenster:
Diskriminierung existiert auch innerhalb unserer Community.

Man sollte meinen, wir ziehen alle an einem Strang. Tun wir aber nicht immer. Abwertende Begriffe, Klischees, Ignoranz gegenüber Transpersonen – all das gibt es auch bei uns.

Unwissenheit ist keine Entschuldigung.
Wenn ich etwas nicht verstehe, habe ich zwei Möglichkeiten: Ich informiere mich. Oder ich halte den Mund.

Ich schließe mein eigenes Fehlverhalten dabei nicht aus. Aber ich will es besser machen.

Ich bin eine Frau, die sich maskulin kleidet und kurze Haare trägt – und deshalb noch lange keine „Kampflesbe“ ist. (Was für ein grauenhaftes Wort.)

Ich habe starke Seiten. Vielleicht wirke ich unnahbar. Aber ich liebe Schnulzen. Ich mag Umarmungen. Ich bin ein Softy im richtigen Moment. Und vor allem: Ich bin gern Frau.

Und ich lasse mir das nicht mehr absprechen.

Auf dem Stonewall March traf ich eine Frau weit über 50. Sie sagte, diese Demonstrationen seien ihr wichtig, weil sie weiß, wie es angefangen hat. Sie war nicht bei den Ursprüngen dabei – aber sie hat Zeiten erlebt, in denen Offenheit keine Option war.

In ihren Augen lag Schmerz. Erinnerung.

Ja, es hat sich viel getan.
Aber es reicht noch nicht.

Ein CSD ist nicht nur eine bunte Party. Es ist Erinnerung. Es ist Protest. Es ist Gedenken an Menschen, die gestorben sind – und noch immer sterben – weil sie sind, wie sie sind.

Ich hatte in vielem Glück. Ich wurde nicht in Therapie gezwungen. Nicht geschlagen. Nicht von meiner Familie verstoßen. Ich musste nicht im Auto schlafen.

Viele andere schon.

Und wir, die stark genug sind, sollten für die kämpfen, die es nicht sind.

Auch wenn wir müde sind.
Auch wenn wir manchmal glauben, jetzt sei die nächste Generation dran.

Seit diesem Wochenende weiß ich wieder:
Man kann sich da nicht einfach rausziehen.

Passt gut auf euch auf.
Sandra

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