Sandra
USA – Teil 5
Wo Sonne scheint, muss auch Schatten sein
Jupp. So oder so ähnlich lässt es sich wohl zusammenfassen.
Heute mal kein Bericht darüber, wie man hier Wohnungen findet oder wo man am besten einkauft. Denn bei all dem vergisst man gern etwas:
Man verlegt nicht nur sein Leben an einen anderen Ort – man gibt ein Stück seines alten Lebens auf.
Ich will nicht jammern. Wirklich nicht.
Mir war das erschreckenderweise sehr bewusst. Und trotzdem finde ich, dass auch diese Seite dazugehört.
Ich bin kein Austauschschüler mit Wochenendprogramm.
Ich bin auch nicht in einer Beziehung, sodass abends jemand auf mich wartet.
Am Ende muss man vor allem eines können: allein sein.
Ich bilde mir ein, dass ich das grundsätzlich ganz gut kann.
Aber eben nicht immer.
Ich verfalle nicht in Krisen. Doch es gibt diese Momente, in denen ich einfach keine Lust mehr habe, schon wieder allein loszuziehen.
Allein einkaufen.
Allein kochen.
Allein essen.
Allein ins Museum.
Allein.
Natürlich gibt es Dinge, die gemeinsam mehr Spaß machen. Und es gibt Dinge, die ich auf keinen Fall allein tun möchte.
Allein im Restaurant sitzen?
Allein in eine Bar oder einen Club gehen?
Never.
Also stellt sich die Frage:
Wie lernt man in einem fremden Land Menschen kennen?
Ja, die Amerikaner sind offen und freundlich. Aber wenn ich darauf warte, dass mich jemand an der Kühltheke im Supermarkt anspricht, werde ich vermutlich zum Eiszapfen.
Ich habe es eine Zeit lang mit Social Media und Dating-Plattformen versucht. Und nein – Dating heißt nicht zwangsläufig Beziehung. Ich habe darüber schon tolle Freundschaften gefunden.
Aber hier musste ich ein neues Phänomen kennenlernen: Ghosting.
Schon mal davon gehört?
Menschen verschwinden von heute auf morgen.
Keine Erklärung. Keine Verabschiedung.
Einfach Funkstille.
Man schreibt nette Nachrichten, führt gute Gespräche – und plötzlich: nichts mehr.
Das scheint hier häufiger zu passieren, als ich es aus Deutschland kenne. Und auf Dauer macht das vorsichtig. Man überlegt zweimal, was man preisgibt. Wie offen man ist. Wie viel man investiert.
Vielleicht bin ich im Moment einfach ein wenig verheizt.
Am Anfang habe ich ziemlich Gas gegeben – Wohnung, Organisation, alles gleichzeitig. Und jetzt merke ich: Die Luft wird dünner.
Die Wochenenden verbringe ich oft zu Hause.
Gut, das Wetter ist momentan auch eher… ausbaufähig.
Aber trotzdem müsste ich mir vermutlich selbst ein wenig in den Hintern treten.
Und dann kommt er, dieser Gedanke:
Wie schön wäre es, wenn man morgens der Nachbarin über den Weg läuft.
Mittags spontan zu Freunden auf einen Kaffee fährt.
Abends nicht überlegen muss, was man allein tun kann.
All das muss ich mir hier erst aufbauen.
Und es ist gar nicht so einfach.
Aber ich weiß auch: Es ist ein Prozess.
Und vielleicht gehört genau dieses Gefühl dazu.
Passt gut auf Euch auf.
Sandra