Sandra
Wenn man sich zu weit aus dem Fenster lehnt…
USA – Teil 1
Wie alles begann
Ich hatte ja gefragt, ob es euch interessieren würde, was hier so passiert, welche Unterschiede es gibt, wie das Leben in den USA wirklich ist – und es scheint tatsächlich ein paar Interessierte zu geben.
Und nun sitze ich hier und stelle mal wieder fest:
„Frau Jausch, wenn du was wissen willst, stell direkte Fragen!“
Denn… ja, es interessiert euch. Aber was genau? Wo soll ich anfangen?
Vielleicht mache ich einfach eine kleine Reihe daraus und widme mich jedes Mal einem anderen Thema. Dann habt ihr auch immer wieder die Möglichkeit, Fragen zu stellen oder Themen einzuwerfen, die ich im nächsten Teil aufgreife.
Problem gelöst? Gut. Dann fangen wir an.
Ich halte diesen ersten Teil erstmal so allgemein wie möglich. Denn in den letzten Wochen und Monaten ist viel passiert – manchmal zu viel, um alles noch sauber sortiert im Kopf zu haben.
Aber die Frage ist ja eigentlich: Wie kam es dazu, dass ich heute in Marietta, Georgia, lebe – statt im wunderschönen Illerberg in Bayern?
Wie der ein oder andere vielleicht weiß: Ich bin nicht in der Gegend um Ulm aufgewachsen. Ich bin erst mit 16 wegen meiner Ausbildung nach Ulm gezogen. Und ich wage es kaum zu schreiben, aber…
zu meiner Zeit – und zack, ich fühle mich alt – gab es diese Auslandssemester, Work-and-Travel oder Au-pair-Geschichten noch nicht in der Selbstverständlichkeit von heute.
„Mal eben Auslandserfahrung sammeln“ war für mich schlicht nicht drin. Also ging es nach der Schule direkt in die Ausbildung und dann ins Arbeitsleben. Zack.
Ich habe die Jugendlichen dafür immer bewundert. Nicht beneidet. Bewundert.
Denn Urlaub im Ausland ist nicht dasselbe wie dort zu wohnen. Und ich merke gerade jeden Tag, wie sehr das stimmt.
Aber wenn man einen festen Job hat, schmeißt man nicht einfach alles hin, um sich die Welt anzusehen. Dafür bin ich zu sicherheitsliebend. Und ich hatte die letzten zwölf Jahre einen Job, den ich auf keinen Fall riskieren wollte. Kurz vor der 40 hakt man das Thema „Ausland“ dann irgendwann innerlich ab.
Wäre da nicht das Leben. Und der Zufall.
Der manchmal einfach andere Pläne mit dir hat.
Im Herbst letzten Jahres wurde ich von unserer Vertretung in den Staaten gefragt, ob ich Interesse an einem Austausch hätte:
Drei Monate Kennesaw, Georgia.
Drei Monate leben, arbeiten, Land, Leute und Kultur kennenlernen.
Wie hätte ich da nein sagen können?
Bekommt man so eine Chance zweimal im Leben? Ich befürchte nicht.
Also ging es für mich im Januar direkt nach den Feiertagen nach Atlanta. Klößchen wusste ich in guten Händen – und ich konnte mich voll und ganz auf dieses Abenteuer freuen.
Und ja: Ich wollte die USA sehen. Aber ich wollte vor allem auch verstehen, wie man hier arbeitet.
Es ist dieselbe Firma – aber der Alltag ist ein anderer. Ich wollte sehen, wie sich unsere Arbeit in Deutschland auf die Teams im Ausland auswirkt. Wie es ist, näher am Kunden zu sein. Wie Prozesse laufen. Wie Entscheidungen getroffen werden.
Sprich: Ich habe die Wochenenden genutzt, um die Gegend zu erkunden – aber unter der Woche habe ich meinen Job sehr ernst genommen. Und ich hatte (und habe) wirklich Spaß im Team. Hier tickt eben vieles anders. Und damit meine ich nicht nur die Uhr wegen der Zeitverschiebung.
Anfang Februar wurde ich dann gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, länger in den Staaten zu bleiben. Genauer: bis Ende 2020.
WOW.
Nicht nur, weil es nach zwölf Jahren in derselben Firma ein gutes Gefühl ist, wenn jemand deine Arbeit schätzt – sondern weil diese Möglichkeit im ersten Moment einfach nur… wow war.
Natürlich wusste ich: Das stellt mein Leben auf den Kopf.
Ich hatte Respekt vor allem: Formalitäten, Visa, Behörden, Organisatorisches. Aber irgendwie war es weniger die Frage ob – sondern eher: Wie kriegen wir das hin?
Und tatsächlich: Wir (meine Firma und ich) haben das Ganze in einem ziemlich absurden Tempo durchgezogen. Innerhalb weniger Wochen. Bis auf kleine Stolpersteine lief es überraschend smooth.
Und jetzt sitze ich hier. Seit zwei Wochen wieder in den Staaten. Wieder im Office. Ich habe inzwischen meine SSN, ein Bankkonto, ein Apartment, das fast vollständig eingerichtet ist – und ganz ehrlich: Es geht mir wirklich gut.
Und trotzdem fühlt sich das Leben hier manchmal an wie neu laufen lernen.
Das klingt dramatisch – aber genau so ist es.
Es fängt beim Einkaufen an, geht über die Arbeit, bis hin zu Sätzen wie: „Ich brauche Gas für meine Wohnung.“
Dinge, die in Deutschland automatisch liefen, funktionieren hier nicht mehr – oder eben komplett anders.
Ich brauche selbst nach drei Monaten hier immer noch doppelt so lange für einen Einkauf wie in Deutschland. Und nein, das liegt nicht nur an der Größe der Supermärkte.
Heute ist Freitag. Wochenende. In Ulm hätte ich vermutlich seit Wochen Pläne. Hier schaue ich auf zwei freie Tage und denke:
Gehe ich nach Atlanta zum Fotografieren?
Suche ich einen Wohnzimmertisch?
Botanischer Garten? Festival? Blue Ridge Mountains?
Oder mache ich einfach… nichts. Außer Wäsche.
Und wisst ihr was? Selbst das wäre völlig okay.
Bevor ich ab dem nächsten Posting jeweils ein konkretes Thema aufgreife, wäre ich euch wirklich dankbar, wenn ihr mir sagt:
Was interessiert euch am meisten?
Alltag / Einkaufen / Preise
Arbeiten in den USA
Freundlichkeit & Mentalität
Behörden & Bürokratie
Auto, Verkehr, „wie läuft das hier?“
Atlanta & Umgebung (Orte, Highlights, No-Gos)
Kulturunterschiede im Kleinen (die man vorher nicht erwartet)
Und jetzt wünsche ich euch ein wundervolles Wochenende – und… ups… gute Nacht. Die Hälfte von euch schläft vermutlich eh schon. Zeitverschiebung macht’s nicht leichter, den Kontakt zu halten. Aber das ist auch wieder ein eigenes Thema.
Passt gut auf euch auf.
Sandra