Es war kein spontaner Kurztrip.
Es war ein Losfahren.
Mit dem Auto Richtung Süden, durch Italien, vorbei an Feldern, Mautstationen, Espressopausen.
Pisa. Zwei Gesichter.
Am Abend davor war alles voll.
Menschen in Schlangen, Selfiesticks, Stimmengewirr in allen Sprachen. Der Platz rund um den schiefen Turm von Pisa war eine Bühne. Jeder wollte das gleiche Foto, den gleichen Moment. Es war laut, geschäftig, irgendwie erwartbar.
Und dann der nächste Morgen.
Sehr, sehr früh. Bevor ich weiter nach Livorno musste, zur Fähre.
Ich war noch einmal dort.
Kein Mensch.
Nur ein paar Reinigungskräfte, die mit ihren Besen über das Pflaster strichen, als würden sie den gestrigen Tag einfach wegfegen. Die Sonne ging langsam auf. Das Licht war weich, fast vorsichtig.
In diesem Moment war der Ort magisch.
Der Turm stand still in diesem warmen Morgenlicht, die Luft war kühl, alles wirkte größer, ehrlicher. Ohne Kulisse. Ohne Publikum. Nur ich, ein paar leise Schritte im Hintergrund – und dieses Gefühl von: Jetzt beginnt etwas.
Dann Hafen. Salz in der Luft. Dieses leichte Ziehen im Bauch, wenn eine Fähre mehr ist als nur ein Transportmittel. Von Livorno aus ging es rüber nach Sardinien. Inseln haben ja immer etwas Endgültiges. Man kommt nicht zufällig vorbei. Man entscheidet sich.
Einmal komplett herum
Ich bin einmal um die ganze Insel gefahren. Ohne festen Plan. Hier ein Hotel, dort ein spontaner Stopp. Küstenstraßen, die sich an Felsen klammern. Kurven, hinter denen das Meer plötzlich in diesem unwirklichen Türkis aufleuchtet, das aussieht, als hätte jemand die Sättigung übertrieben.
Ja – es gibt sie. Diese karibischen Strände. Dieses fast durchsichtige Wasser.
Und ja – es gibt auch die Realität.
Fünf Kilometer kein Parkplatz. Schranken. Überfüllte Buchten. Der Moment, in dem man merkt, dass Instagram nicht miterzählt, wie lange man im Auto schwitzt, bis man irgendwann genervt weiterfährt. Da vergeht einem kurz die Romantik.
Sardinien ist wunderschön. Aber nicht immer bequem. Zumindest nicht in der Hauptsaison.
Die Sache mit dem Müll
Was mich wirklich irritiert hat: Es gab gefühlt nirgendwo anständige Mülleimer.
Ich bin tagelang mit meinem Müll im Auto herumgefahren, weil ich ihn nicht einfach irgendwo liegen lassen wollte. Und während ich suchte, lagen in vielen Straßengräben schon die Beweise dafür, dass andere irgendwann aufgegeben haben.
Das war nicht schön.
Es passte nicht zu diesen Landschaften. Nicht zu diesem Meer.
Und trotzdem gehört es dazu. Reisen heißt eben auch, nicht nur das Postkartenmotiv zu sehen.
Drei Tage Mitte. Nichts.
Mitten im Landesinneren habe ich auf einem Biobauernhof übernachtet. Meine Empfehlung geht klar raus – Hotel Agriturismo L’Oasi del Cervo.
Der Weg dorthin war… sagen wir sportlich. Eine Stunde Fahrt, gefühlt nur Schotter, Kurven, Staub. Und dann: nichts. Keine Nachbarn. Kein Supermarkt. Kein Empfang.
Drei Tage absolute Ruhe.
Die Hausherrin kochte ausschließlich aus dem, was sie selbst anbaute oder züchtete. Gemüse aus dem Garten. Fleisch von eigenen Tieren. Pasta handgemacht. Abends saßen alle Gäste an einem langen Tisch zusammen.
Es gab nur Bier und Wein.
Ich hatte bis dahin keinen Wein getrunken. Mochte ich nicht. Dachte ich zumindest.
Bis zu diesem Abend mit französischen Gästen, viel Gelächter, langen Gesprächen, einem Glas, das nie ganz leer wurde – und irgendwann war da kein Widerstand mehr. Nur Wärme. Offenheit. Geschmack.
Seitdem trinke ich Wein.
Manchmal sind es nicht die großen Sehenswürdigkeiten, die bleiben. Sondern ein Abend an einem Holztisch irgendwo im Nichts.
Die Berge nicht vergessen
Viele kommen wegen der Strände. Verständlich. Aber man sollte die Berge im Landesinneren auf keinen Fall vernachlässigen.
Diese Fahrten durch das Herz der Insel – wild, rau, weit. Straßen, die sich durch Felsen und grüne Hügel ziehen. Kaum Verkehr. Kurven, die man einfach fährt, ohne irgendwo ankommen zu müssen.
Dort war Sardinien für mich am ehrlichsten.
Still.
Unaufgeregt.
Fast ein bisschen stolz.
Wie andere Sardinien sehen
Manche sagen, Sardinien sei die „Karibik Europas“.
Andere sprechen von einer wilden, archaischen Insel. Von Hirten, von Tradition, von Sturheit und Stolz. Von einer Kultur, die sich nie ganz unterworfen hat.
Ich habe beides gesehen.
Luxusresorts neben verlassen wirkenden Dörfern.
Türkisfarbenes Wasser und vermüllte Straßenränder.
Überfüllte Parkplätze und kilometerlange Einsamkeit.
Und vor allem: Menschen, die herzlich sind. Direkt. Ungekünstelt. Das Essen ist wundervoll. Ehrlich. Kräftig. Ohne Schnickschnack.
Schön. Aber nicht perfekt.
Sardinien war für mich nicht nur Postkarte.
Es war auch Reibung.
Und vielleicht war genau das gut.
Ich bin einmal komplett um diese Insel gefahren. Aber eigentlich war es mehr. Es war ein Unterwegssein ohne ständige Ablenkung. Ohne Termine. Ohne Erwartung, dass jeder Tag spektakulär sein muss.
Manchmal war es anstrengend.
Manchmal nervig.
Manchmal überwältigend schön.
Und manchmal saß ich einfach nur im Auto, Fenster runter, salzige Luft im Gesicht – und wusste: Genau hier wollte ich gerade sein.
Sardinien ist nicht perfekt.
Aber es ist echt.
Und vielleicht reicht das.
in diesem Sinne passt gut auf Euch auf.
Sandra




















































