"Lügen sind ein Fundament unserer Gesellschaft"

Wie bereits angekündigt, wird es zukünftig hier und da persönlicher. Und ein Punkt der mich in meinem Leben immer wieder an Grenzen bringt, ist der Umgang mit der Wahrheit und vor allem auch die Interpretation von Loyalität, zu der für mich die Wahrheit selbstredend gehört.

Lügen sind ein Fundament unserer Gesellschaft; Lügner halten die Menschheit zusammen - so das Fazit einer aktuellen Studie eines Wissenschaftlerteams aus Mexiko, Finnland und Großbritannien, die im "Journal of the Royal Society Interface" erschienen ist. Die Wissenschaft ist sich also einig darüber, dass wir Menschen im Durchschnitt 200 mal am Tag lügen. Wir entscheiden uns bewusst oder unbewusst dafür, was für uns gut ist und passen demnach unsere Reaktionen und Antworten an. Wir machen Komplimente, obwohl wir sie nicht ernst meinen, lassen uns verleugnen, sagen dies und handeln anders.

Wisst ihr was ich meine? Geht es Euch genauso, wenn ihr in Euch hört? Ich musste bei dieser Ansage überlegen, in mich selbst hinein hören, reflektieren…und bei vielen Dingen musste ich sagen: „Nein, da ticke ich anders“

Wenn ich mit Freunden beim Klamotten shoppen bin und sie probieren etwas, was ich zu eng finde oder nicht gut aussehend an Ihnen, dann nehme ich mir das Recht heraus, dies auch zu sagen. Ich würde nicht auf die Idee kommen, zu sagen „Hey das sieht gut aus“. Wenn Menschen mir etwas vorsingen, dann können Sie darin noch so bestrebt und bemüht sein, wenn Sie mich um meine Meinung bitten, frage ich vorab, ob sie genau diese ertragen können, selbst wenn sie nur meinem persönlichen Geschmack entspricht. Nicht alle Menschen sind mir sympathisch und manchmal mag man sich einfach gegenseitig nicht. Wenn also ein Kollege oder eine Kollegin Geburtstag hat wo keine gegenseitige Sympathie besteht, dann gratuliere ich nicht, auch nicht aus Freundlichkeit. Denn es wäre geheuchelt und gelogen. Ebenso verzichte ich im Umkehrschluss auch gern aus selbigen Gründen auf eben diese Glückwünsche.

Macht mich das unfreundlich? Unhöflich?

Eine Tatsache, die mich in meiner ersten Ausbildung an meine Grenzen gebracht hat, war dass ich nur Dinge „verkaufen“ kann, hinter denen ich auch stehe. Ich gehöre nicht zu denen, die gern sagt „Darfs ein bisschen mehr sein?“ Wenn ich es selbst nicht haben wollen würde. In meiner heutigen Firma fällt mir das leichter, da kann ich loyal sein, weil ich von unseren Leistungen und Produkten überzeugt bin, weil sie gut sind.

Lügen haben in meinem Leben immer eine Rolle gespielt. Ich war oft damit konfrontiert, familiär sowie auch unter Freunden…Was bewirkt eine Lüge, wenn sie auffliegt? Wann ist es Euch mal so ergangen? Was hat es mit Euch gemacht?

Eine sehr gute Freundin von mir hatte einmal Geburtstag. Sie hatte einen eigenen Freundeskreis, in dem ich nicht inkludiert war, was daran lag, dass sie dort noch nicht „geoutet“ war. Wir haben also im Vorfeld darüber gesprochen, sie meinte, dass sie ihren Geburtstag nicht feiern würde. Sie würde lieber einen ruhigen Tag zu Hause verbringen und einfach nichts tun. Was völlig okay und legitim ist. Am Tag selbst dachte ich mir, komm rufst du schnell an und wünscht ihr wenigstens schnell alles Gute. Ich wählte also die Nummer, sie ging ran…und im Hintergrund hörte ich mehrere Stimmen und Partygeräusche. Ich gratulierte ihr und wünschte ihr einen schönen Geburtstag und alles Gute. Es war übrigens der letzte Geburtstag, zu dem ich ihr gratulierte. Unsere Wege gingen danach auseinander. Die vermeintliche Tatsache, dass sie Angst hatte, dass ihre Freunde etwas mitbekommen könnten, von der anderen Seite in ihr, allein durch meine Anwesenheit war zu groß, so groß dass sie Angst hatte mich dabei zu haben. Und selbst dies ist nur eine reine Interpretation der Geschichte, denn wir haben nie darüber gesprochen.

Damit sind wir bei Punkt 2 des Teufelskreises. Eine Lüge fliegt auf…was macht man nun? Es gibt Menschen die handeln destruktiv á la Martin Luther: „Die Lüge ist wie ein Schneeball: Je länger man ihn wälzt, desto größer wird er.“ Todschweigen, Ignorieren und hoffen dass einfach stillschweigend Gras über die Sache wächst, ist übrigens genauso unpraktisch in meinen Augen.

Ich habe leider schon so einige Lügen in meinem Leben auffliegen sehen. Das Resultat ist immer eine gewisse Verletztheit. Warum tut die Person das? Warum kann sie mir nicht die Wahrheit sagen? Manchmal geht dies sogar soweit, dass man sich fragt, ob man selbst nicht sogar Schuld daran trägt, weil man ggf. nicht richtig auf die Wahrheit reagieren würde und die andere Person sich deswegen nicht traut… uhhh

Wenn mich heute jemand anlügt und ich bemerke es, dann hat dies meistens zur Folge, dass die Gefühle, seien sie nun freundschaftlicher Natur oder sogar mehr, einen ersten bösen Knick erhalten. Ich glaube, durch ein simples „Sorry“ und vielleicht eine kleine Erklärung warum man so gehandelt hat, kann man das übrig gebliebene Vertrauen retten. Wieder aufbauen, zusammen, durch offenes und ehrliches miteinander umgehen. Bleibt jedoch selbst das aus…

Aber da gibt es ja noch die „nicht so schlimmen Lügen“. Die charmanten Engländer nennen sie „white lies“. Es gibt wiedermal Socken zu Weihnachten und natürlich freuen wir uns darüber, das Essen der Oma ist heute besonders lecker und das Bild des kleinen Ben ist ihm ausgesprochen gut gelungen, selbst wenn wir nichts darauf erkennen können. Frauen wie Männer legitimieren lügen aus folgenden Gründen:

• Um einem Freund zu helfen Frauen: 51 Prozent; Männer: 59 Prozent
• Um ein Kompliment zu machen Frauen: 28 Prozent; Männer: 44 Prozent
• Um eine Beziehung zu retten Frauen: 28 Prozent; Männer: 41 Prozent
• Um weniger Steuern zu zahlen Frauen: 12 Prozent; Männer: 26 Prozent
• Um die Karriere zu fördern Frauen: 12 Prozent; Männer: 25 Prozent
• Um sich vor Strafe zu schützen Frauen: 7 Prozent; Männer: 22 Prozent

An dieser Stelle frage ich mich, ist ein geschwindeltes Kompliment wertvoll? Was für einen Wert hat eine Beziehung, wenn sie nur durch eine Lüge gerettet werden und der Wahrheit nicht standhalten kann? Ich halte es wie Thomas Mann:

„Eine schmerzliche Wahrheit ist besser, als eine Lüge“





So manche Wahrheit in unserem Leben tut weh, will verarbeitet werden, kratzt hier und da immer wieder mal an uns. Aber tun Lügen das nicht auch? Kratzen sie nicht täglich an unserem Grundvertrauen? Wer einmal derb belogen und betrogen wurde, wird sich zukünftig ziemlich genau ansehen, wen er in sein Leben lässt. Wem er vertraut. Dann wähle ich lieber die schmerzliche Wahrheit und weiß dafür, woran ich bin. Eine Ansage wie „Du es hat mir da nicht reingepasst, ich hatte anderes im Kopf, oder war anderweitig beschäftigt, als mich zurück zu melden“ Ist brutaler aber ehrlicher als „Oh ich habe deine Nachricht nicht gesehen!“ … vor allem wen man selbst genau weiß, die Nachricht wurde gesehen.

Auch ich bin nicht immer ehrlich. Ich verurteile nicht zwangsläufig das Kompliment an den kleinen Neffen für das toll gemalte Bild. Aber ich verurteile Unehrlichkeiten zwischen zwei Menschen auf gleicher Augenhöhe. Denn, auch wenn es mich zu einem komplizierten Menschen für mein Umfeld macht, ich brauche eine direkte Ehrlichkeit um zu wissen, woran ich bin. Und auch ich werde noch mehr lernen müssen, dem Kellner das nächste Mal durchaus zu sagen, dass ich das Essen nicht gut fand, wenn dem so ist.

„Alles was du sagst, sollte wahr sein. Aber nicht alles was wahr ist, solltest du auch sagen.“ Voltaire





Ich trage sicher keinen Heiligenschein, auch ich muss an mir arbeiten. Diese angesprochenen 200 Lügen am Tag beschäftigen mich noch immer. Aber wenn ich bereit bin an mir zu arbeiten, wenn ich bereit bin die knallharte Wahrheit zu ertragen und auch zu teilen, was auch mir schwer fällt, kann ich dies dann nicht auch von den Menschen erwarten, die ich in meinem Umfeld habe, in meinem inner circle und die offenbar auch da sein wollen?

The best way to reduce stress, make life work, and heal the past is to tell the truth. Radical Honesty means simply to report out loud what you notice in the world, in your body, and in your mind. Radical Honesty means you tell the people in your life what you’ve done or plan to do, what you think, and what you feel. It’s the kind of authentic sharing that creates the possibility of love and intimacy.

Passt gut auf Euch auf!
Sandra